Dreikäsehoch oder eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte (27. Januar 2026)
Dreimal war ich in Bibliotheken für Kinder ab drei gebucht. Dreimal habe ich meinen Koffer geöffnet, in dem drei Koffer sind. Dreimal sind wir nach der Vorstellung bei der Schatzsuche im imaginären Meer durch die Bibliothek geschwommen. Wir sind als Seemöwen durch die Luft geflogen. Wir haben zu guter Letzt auf dem Boden zwischen den Bücherregalen einen Schatz gefunden: einen Bodenschatz. Es war kein Öl, auch keine seltenen Erden, sondern ein Buch für jedes Kind. Ein Wortschatz! Geistige Nahrung. Wir haben nicht an die Vergangenheit oder Zukunft gedacht, sondern in der Gegenwart Spaß gehabt. Wir waren im Himmel, im Meer und auf der Erde.
In der ersten Bibliothek sehe ich vom Fenster aus, wie die kleinen Gäste kommen. Sie watscheln zwischen den Erwachsenen wie eine Entenschar in gelben Warnwesten.
Alle da? Eins, zwei, drei – los geht`s. Das Lied „La mer“ geht leise an. Ich tanze an den Donald-Duck-Comics vorbei zu den Kindern. Auf meiner Spielfläche stehen ein Koffer und ein großes Buch. Als ich es öffne, ruft ein Junge: „Ich sehe ein gooses Brot!“ Ich sortiere die Buchstaben r und o neu und antworte: „Ja, ein großes Boot!“
Mein Clownfisch wirbelt durch die Gegend. Er freut sich übers Meer, braucht aber noch Freunde und Freundinnen. Ein Kind sagt: „Ich habe nur einen einzigen Freund!“ – „Einer: besser als keiner“, erwidere ich. Die Seekuh fällt vom Stuhl. Lachen. Der Krake setzt sich auf meinen Kopf. Kichern. Der Seehund sagt, er sei cool. Glucksen. Ich finde die Flaschenpost. Da steht: Ein Schatz ist in der Nähe! „Hier ist ein Lichterschatz!“, ruft ein Mädchen euphorisch und zeigt zur Lampe hinauf, die von einem Sonnenstrahl zusätzlich beleuchtet wird und fabelhaft funkelt. Drum herum tanzender Staub. Wir staunen.
Später suchen wir den Bücherschatz. Auf der meterlangen Brockhaus-Enzyklopädie hat sich eine Schildkröte mit einem Hinweis versteckt. Wir verwandeln uns in Schildkröten und kauern uns auf dem Boden ganz klein zusammen. Unsere Rücken bilden die Panzer. Die Panzerknacker grinsen uns verschwörerisch zu. Der nächste Hinweis steht auf einem Seepferdchen bei der Kinderabteilung „Pferde und Zauberhaft“. Wir reiten an Lucky Luke vorbei auf Seepferden. Zwischen den Seiten eines Buches über Laurel und Hardy klemmt ein Taschenkrebs, wie ein Lesezeichen. Wir bewegen uns seitwärts mit Scherenhänden und könnten so direkt im Ministerium für „Silly Walks“ einen Förderantrag für lustige Gangarten stellen. Stattdessen schlängeln wir uns als Seeschlange durch das magische Tor, das die Erwachsenen spontan mit den Armen bilden. Da schwimmen wir hindurch und finden den Schatz. Ich verteile die Bücher in Taschen an Kinderhände, die sie mir aufgeregt entgegen strecken. Es war schön. Wir verabschieden uns mindestens dreiundzwanzigmal. Ein Kind erklärt mir noch kurz die Welt: „Du musst das nächste Mal Zucker statt Salz ins Meer tun. Dann ist es Süßwasser, und das ist viel weniger gefährlich als Salzwasser, weil es da keine Haifische gibt!“
In der zweiten Bibliothek höre ich die Kinder kommen und eine Erzieherin mindestens dreißigmal sagen: „Mütze in Jacke!“ Ich überlege kurz, ob ich aus meiner Umkleide mal zur Abwechslung hinausrufe: „Jacke in Mütze!“ Während der Vorstellung so viel Lachen. Nach dem Sturm auf hoher See ruft ein Junge: „Und jetzt ein Tornado!“ Dabei kichert er so sehr und voller Freude über seinen Einfall in seine kleine Hand, dass alle inklusive mir lachen müssen und der Tornado sich eher in tosendes Gelächter verwandelt als in einen gefährlichen Sturm. Später binde ich mir ein Piratentuch um den Kopf, und ein Mädchen sagt: „Du bist Rotkäppchen!“ – „Oder Rotnäschen!“, antworte ich.
In der dritten Bibliothek ist es auch ganz wunderbar. Alle Dreikäsehochs und meine Wenigkeit haben eine lustige Zeit, von Anfang bis Ende. Nachdem ich hinter dem Vorhang verschwunden bin, fragt eine Erzieherin ein Kind, wie ihm die Theatervorstellung gefallen hat. Es ist der kleine Professor, den es in fast jeder Vorstellung gibt. Ich warte gespannt auf die Antwort. Ich höre ihn förmlich denken, dann sagt er: „Gut, aber das war nicht nur Theater, das war auch Spaß!“ Fand ich auch.
Auf der Rückfahrt stoße ich beinahe mit einem Mann mittleren Alters zusammen, der mit seinen Saugnapfaugen am Bildschirm festzukleben scheint. Nachdem er zielstrebig fast in mich hinein gelaufen ist, hebt er gnädigerweise seinen Blick und schaut mich wütend an. Ich bin noch gutgelaunt von der Vorstellung und lasse seine Wutblitze an mir abprallen, wie eine Zeichentrickfigur mit Superkräften. Dann geschieht ein Wunder: Plötzlich und unerwartet gehen seine nach unten zeigenden Mundwinkel – ganz langsam, Millimeter für Millimeter – wie in Zeitlupe nach oben, und dann ist es vollbracht: er LÄCHELT!
Bestimmt war es sein allererstes Mal im Leben. Er strahlt wie die Sonne höchstpersönlich – trotz grauem Himmel und grauem Schneematsch um uns herum. Während ich „Sonne“ schreibe, fällt mir Doktor Sommer ein. Der würde bestimmt „Bravo!“ rufen, so wie die alte Zeitschrift hieß, in der er verunsicherten Jugendlichen seine fachlichen Ratschläge an erteilte, und zu dem Herrn beherzt sagen: „Mein lieber Herr Gesangsverein, jetzt geht bei Ihnen der Spaß im Leben erst richtig los! Humor und Freundlichkeit sind überall nützlich: im Straßenverkehr, am Bildschirm und natürlich auch im Bett!“
Unter uns: Ich hätte am liebsten ein Foto von dem ersten Lachen des finsteren Mannes gemacht, seine Mutter angerufen und ihr von diesem Wunder erzählt. Wahrscheinlich wäre sie aus allen Wolken gefallen und hätte Freudentränen vergossen! Es wäre wie ein Großwetterereignis, das in die Familiengeschichte eingeht: das erste Lächeln des Kindes! „Was haben Sie mit ihm angestellt?“, würde sie aufgeregt fragen. „Nichts“, würde ich sagen. „Es ist einfach aus heiterem Himmel mit ihm passiert. Erst hat er wütend geschaut wie er vermutlich immer schaut, aber dann … hat er gelächelt.“
Das erste Lächeln des Kindes führt meist zum Lächeln der Mutter. Und so ist es auch in diesem Fall, obwohl der Sohn schon lange kein Kind mehr ist. Bei ihm und bei der Mutter beginnt eine neue Ära gedanklicher Zeitgeschichte. Sie beschließt: Aus und vorbei ist es mit der meterhohen, verstaubten und über Jahrhunderte angesammelten „Die Mutter ist an allem schuld“-Literatur, die bei ihr seit Jahrzehnten nur Frust und Leiden schafft! Jetzt widmet sie sich stattdessen einer Leidenschaft: der Liebe zu sich selbst! Sie wächst gedankenschwanger vor Glück auf ihre alten Tage noch drei Meter über sich hinaus. Gar nicht so einfach, denn um das Dreier-Beziehungsgeflecht Vater-Mutter-Kind oder Eltern-Kind ranken sich jede Menge Geschichten, Mythen und Märchen, in denen geschrieben steht, wer wie zu sein und wer sich wie zu verhalten hat, damit das Kind so wird, wie es werden soll, und lustigerweise meistens doch ganz anders wird. Dennoch spüren alle, was von ihnen erwartet wird – kulturell aufgesogen mit der Muttermilch. In meiner Fantasie geht in diesem Fall die Geschichte gut aus. Mutter und Sohn leben glücklich bis an ihr Ende.
Über den Vater könnt ihr euch selbst eine Geschichte ausdenken. Ich ahne, dass er Schriftsteller ist und in einem Elfenbeinturm lebt, weil er sich in eine Elfe verliebt hat und so der Familie abhanden kam. Irgendwann wurde allerdings aus der Elfe eine grantige Zwölfe. Sie wurde seiner überdrüssig, weil ihr zwei Zehen wehtaten vom vielen Turmspringen. „Jetzt schlägt’s dreizehn!“ waren ihre letzten Worte zu ihm, als sie von dannen ritt.
Dreizehn ist übrigens meine Glückszahl, weil ich an einem Freitag, dem Dreizehnten geboren bin. Drei große Ereignisse gibt es im Leben eines Menschen: Geburt – Leben – Tod.
Und auf der Rückfahrt denke ich: Was braucht ein Mensch, um glücklich zu sein? In einer friedlichen Welt leben, Liebe und genug Nahrung, um zu wachsen und sich zu entwickeln. Geistig und körperlich.
Hätte ich drei Wünsche frei, würde ich mir das für alle Menschen wünschen. Fehlt nur noch eine Glücksfee, die mir diesen Wunsch erfüllt. Alternativ gingen auch alle Erwachsenen auf der Erde, die sich das ebenso wünschen! Wichtig wäre allerdings, dass sie nicht nur klug daherreden, sondern auch dementsprechend handeln. Und vor allem nicht wegen ein paar Bodenschätzen gänzlich den Verstand verlieren.
Aber weil es ja leider (fast immer) am Ende nur ums Geld geht – das die Dagoberts der Erde für sich horten wollen, weil sie denken: „Leute, die Geld ausgeben, verstehen nichts von den wahren Freuden eines Kapitalisten!“ (Dagobert Duck) – frage ich mich trotzdem: Was ist eigentlich mit dem Ministerium für „Silly Walks“? Das kriegt schon seit den Siebzigern viel zu wenig Kohle für neue, lustige Gangarten. Nachdem John Cleese schon lang keine unsinnigen Gänge fürs Publikum mehr machen mag, müsste man sich doch mal um Nachwuchs kümmern! Also, ich könnte da schon gelegentlich mit paar Kindern vorbeischauen. Da hätten wenigsten alle was zu lachen – wie schon bei dem legendären Monthy-Python-Sketch. Eine Runde „Silly Walks“ am Morgen vertreibt jeglichen Kummer und sämtliche Sorgen! Man könnte auch den Bildschirm im Straßenverkehr verlassen und sich gegenseitig wieder in die Augen schauen. Es wäre so einfach, denke ich voll überschäumendem, gutgelauntem gedanklichem Übermut: Friede, Freude, Eierkuchen!
Freilich lande ich schnurstracks und mit KA-BOOM wieder in der Gegenwart, lese auf dem Infoscreen im Bus – weil man ja, wenn man lesen kann, auch alles, was einem vor die Nase gesetzt wird, lesen muss: „Ab sofort werden E-Autos gefördert“ und makabererweise direkt danach eine Meldung über einen Autounfalls, bei dem sich jemand dreimal überschlagen hat. Tolle Werbung.
Sogleich antwortet mein täglicher Begleiter namens Widerspruchsgeist, ein Dreimal-Dreikäsehoch vom Feinsten: „He, du alberner Infoscreen! Wie wär’s mal VOR der Förderung von E-Autos oder anderem Kinderkram mit der Förderung vom Fundament: dem GLÜCK für alle? Sogar eine kleine, kluge Ente, die mehr Kinder zum Lesen gebracht hat als du jemals dazu kriegen wirst, wusste immer schon: ‚Glück ist das Reichste, was wir jemals besitzen werden‘ (Donald Duck)!“



