Komödie oder Tragödie (11. Januar 2026)

„Deutschland, Land der Richter und Henker“, lallt ein Betrunkener in der Straßenbahn und sagt dann ganz überrascht: „Kalt ist es, brr, kalt ist.“ Er genehmigt sich einen Schluck aus der Pulle, schließt erschöpft die Augen und brabbelt mit einem vor Gedanken schwankendem Kopf vor sich hin: „Richter und Henker. Dichter und Denker oder Schenker … Nee, Schenker sind se nicht.“ Er schenkt sich erneut einen Schluck in den fahlgrauen Mund. Das Getränk verfärbt seine Oberlippe kirschrot. Er lacht plötzlich und drückt die Flasche wie ein tröstendes Kuscheltier an sich.

Auf dem Sitz hinter dem Mann schmiegt ein Kind sein echtes Kuscheltier fest an sein Herz. Einen Panther. Vielleicht hat der Bub ihn zu Weihnachten geschenkt bekommen? Ein starkes Tier, das immer da ist. Ihn beschützt. Zuhört. Geherzt wird. Ein Tier, dem Sorgen anvertraut werden und Geheimnisse, die niemand wissen darf. So wie der Mann mit seiner Flasche spricht oder mit sich selbst. Hat er noch Geheimnisse? Er nimmt die anderen Menschen in der Bahn kaum wahr. Seine Augen wirken in sich gekehrt. Das Kind hingegen saugt mit den Augen alles auf, was es sieht. Der Junge und der Mann sitzen hintereinander. Säße ein noch älterer Mann vor dem etwa fünfzigjährigen Betrunkenen, wäre das eine Art Abbild des menschlichen Lebens. Eine Reihe von jung bis alt. Ein Bild, wie sich der Mensch verändert und was aus einem Leben werden kann.

Eine alte Legende besagt, dass die rote Nase eines Clowns von der roten Nase eines Betrunkenen und dessen „einfältigem“ Verhalten inspiriert sein könnte. Ich denke, dass sich hinter vermeintlicher Einfalt oder auch sogenannter Naivität häufig große Sensibilität verbirgt, die einfach vieles in der Welt nicht hinnehmen will oder aushalten kann.

Ich trage meine rote Nase immer nüchtern. Mir ist die Welt schon Rausch genug. Heute spiele ich meine erste Vorstellung im Jahr, und das fühlt sich irgendwie immer frisch an. Wie der heutige Neuschnee, der auch bekannte Orte in neue Landschaften verwandelt. Wie eine frische Schneedecke, die man vorsichtig und voller Bedacht betritt, wenn man den ersten Fußabdruck hineinsetzt. Die Kostüme sind gewaschen. Meine rote Nase ist geputzt. Die Welt auf Anfang gestellt. Wollen wir nicht noch mal neu anfangen auf diesem Planeten? Nicht die klassischen Vorsätze wie: schön, sportlich und ewig jung bleiben (was eh nicht klappen kann), und jeder kreist dabei um sich selbst. Sondern einfach was Schönes zusammen machen in der kurzen Zeit, die uns das Leben bietet?

Wir spielen „Glucks und der Klangsammler“, unser Kling-Klang-Clownstück. Meister Kling hat bereits sechzig Jahre lang Klänge, Töne und Instrumente gesammelt, wie er stolz verkündet. Klingt gut. Da muss ja ein Wunderwerk bei rauskommen! Das Publikum ist heute gespannt. Die Luft knistert förmlich. Meister Kling schwingt den Schwirrbogen, der aussieht wie ein alter Krückstock, aber wie eine dicke Hummel surrt und summt. Er hört gar nicht mehr auf zu schwingen und zu schwirren und tanzt dabei wie ein junger Gott! Bis ich ihn als Glucks mit einem lauten Gong stoppe. Ich will mehr! Mehr Klänge und Töne! Mehr hören! Mehr!

„Weniger!“ sagt Meister Kling und: „Für heute reicht’s!“ Ich bin enttäuscht und locke ihn mit meinem geheimen Klang, den ich morgen wieder mitbringen könnte! Er stimmt aus Neugier zu, stellt mich als seine Praktikantin ein und sagt, ich solle am nächsten morgen wiederkommen. Er spielt sich ein Schlaflied auf seiner Concertina und träumt vom zehntausendsten Klang für seine Sammlung. Im Schlaf bewegt er weiterhin seine Handharmonika. Die Töne verklingen, nur der Luftton geht durch den Balg des Instruments, das er weiterhin zusammendrückt und auseinanderzieht. Mit Meister Anton Klings Atemgeräuschen bildet es so einen gemeinsamen Sound aus Schnauben, Schnarchen und Schnaufen.

Da trudele ich mit meinem Wecker pünktlich zum vereinbarten Arbeitsbeginn wieder in seiner geheimen Klangwerkstatt ein. In Arbeitskleidung. Selbstverständlich Ton in Ton. Nachdem ich ihn mit den Kindern endlich wachgeträllert habe, geht unser gemeinsames Spiel weiter. Wir rascheln, rufen, tröten, tönen und trommeln und schließen uns gegenseitig ins Herz. Zum Finale schenke ich Meister Kling meinen geheimen Klang. Dadurch wird seine Sammlung endlich komplett. Die Bühne wird dunkel, nur ein magischer Spot fällt noch auf uns. Wir drehen uns im Kreis. Leise und poetisch. Verharren. Licht aus. Stille. Applaus.

Mir fällt noch ein, dass ich unbedingt die nächste Vorstellung ankündigen muss, bevor das Publikum nach Hause geht. Gedacht. Gesagt. Getan. Gestern habe ich noch den Termin ausgedruckt und auf Postkarten geklebt. In echter Handarbeit zum mit-nach-Hause-Nehmen. Als Mensch braucht man ja immer wieder frisches Geld, wenn man nicht mit einer goldenen Nase geboren ist oder eine Gelddruckmaschine besitzt. Das sage ich aber nicht dazu, weil die Erwachsenen es ja wissen oder ahnen können.

Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich an das wundervolle Lied aus dem Film Cabaret: „Money Makes the World Go Round“ und die Zeilen:
„Money, money, money … Mark, a yen, a buck or a pound,
That clinking, clanking, clunking sound
Is all that makes the world go round,
It makes the world go round!“

Und ich frage mich schon mein ganzes Leben lang, was die vielen sehr reichen Leute eigentlich mit dem vielen, vielen Geld machen, das sie gar nicht in einem Leben aufbrauchen können und trotzdem immer mehr davon haben wollen. Sobald der Geldgeist der Gier einmal aus der Flasche gelassen wird, scheinen die Wünsche, mehr zu besitzen, nicht kleiner, sondern größer zu werden. Betrunken vom Geldrausch?

Doch, wir alle werden irgendwann das letzte Jahr leben. Und was nimmt man am Lebensende mit? Nichts! Wenn man großes Glück hatte im Leben, blickt man zurück auf ein kleines Stück Glück.

Und ich denke, vieles auf der Bühne und mit dem Publikum ist wirklich lustig, aber der größte Witz ist eigentlich das Leben selbst! Drum lasst uns aus dem Leben statt einer Tragödie lieber eine Komödie machen. Aber eine gute! Prost!

 
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