Schneeflöckchen, Weißröckchen (19. Dezember 2025)

Heute startet mein Auftrittstag in einer Bibliothek im Münchner Osten. Ich fahre mit dem Bus. Immer mehr und mehr Menschen bugsieren sich hinein. Die Scheiben sind beschlagen. Ich sehe nicht, wo wir hinfahren. Der Busfahrer fährt ruppig. Wir Passagiere taumeln hin und her. Wir könnten auch in einem Boot sein, das durch das stürmische Meer fährt, um uns herum nur neblige, graue Gischt.

„Wozu brauche ich Mathe, wenn es ChatGPT gibt?“, fragt eine Schülerin ihre Freunde. „ChatGPT kann kein Mathe!“, bemerkt ein anderer Schüler, wahrscheinlich ein Mathe-Crack. Er sagt vorwurfsvoll: „Hast du nicht endlich Nachhilfe?“ – „Ja, aber erst ein einziges Mal. Heute muss ich auf die Schulaufgabe schreiben: Sorry, Herr Lehrer, lag nicht an Ihnen!“ Humor hat sie, denke ich. Wird nur in der Schule nicht benotet. Schade eigentlich. „O Mann, Schule ist die beste Nachhilfe!“, sagt ein anderer zu ihr. Sie verdreht die Augen.

Der Kapitän vom Bus-Boot lässt die Schülerinnen und Schüler aussteigen und überlässt sie ihrem Schulaufgabenschicksal. Bin ich froh, dass ich nicht auch dahin muss, um Mathe zu büffeln! Für die Rechnung an die Veranstalterin haben meine Rechenkenntnisse gerade noch gereicht. Auch ohne ChatGPT.

Weiter geht die wilde Fahrt an der Phantasiestraße entlang. Das klingt schon besser. Bald steige ich aus und bin da. Herzlich werde ich empfangen. In der Bibliothek werde ich erst mal zum Tee eingeladen. Ich schmeiße mich ins Kostüm und treffe die Bibliothekarinnen beim Frühstück. Heute wird mit einem Clown gefrühstückt! Das kann doch nur ein heiterer Tag werden, oder?

Wir starten. Ich komme mit meinem Kofferradio zum Lied „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ in meinen roten Schuhen hereingetanzt. Mein alter Reisekoffer steht auf der Bühne. Er ist furchtbar schwer, und ich kann ihn nicht hochheben. Erst als ich eine Feder abnehme, wird er federleicht und bewegt sich über meine Spielfläche und dorthin, wo ich ihn abstellen will, um ihn zu öffnen und meinen Schneerock auszupacken. Eine Schulklasse und ein Kindergarten sitzen im Publikum. Die kleine Bibliothek ist voller lebhafter Kinder. Schnee für die Kinder muss her, weil es nicht schneit, und ein Winter ohne Schnee ist Betrug, schimpfe ich wütend und trommle mit den Händen vor lauter Ärger auf den Boden. Die Kinder im Publikum lachen. Später werde ich von meinem eigenen Zeigefinger auserkoren, die Superheldin des Stücks zu sein und Schnee zu holen. Meine Mission beginnt! Ich liebe es, eine planlose Superheldin zu spielen. Ich packe meine Weltkarte aus und fange an, damit zu spielen. Eine Frau von Welt zum Beispiel. Ein Junge sagt plötzlich sehr streng zu mir: „Damit spielt man nicht!“ Wahrscheinlich wird das auch ihm häufig gesagt. Die Erwachsenen schmunzeln über seine Strenge, weil sie spüren, dass er die Erwachsenenwelt spiegelt.

Als ich später mit meinem Kofferboot in Ägypten lande, ruft ein Kind: „Du bist in Dubai!“ Alle stimmen zu und wiederholen wie eine Horde Papageien: „Du bist in Dubai!“ Also verabschiede ich mich schnell und sage: „Bye, bye Dubai!“ Die Erwachsenen kichern. In der Sahara finde ich leider nur viel zu gelben Schnee: „Da haben viel zu viele Schlittenhunde reingepinkelt, drum ist der Schnee hier so gelb!“, stelle ich fest. Die Kinder lachen. „Nein, das ist Sand!“, weisen sie mich zu Recht zurecht. „Ach so!“ Nach weiteren Abenteuern lande ich zur Verwunderung einiger Kinder, die denken, dass es nur am Nordpol Schnee gibt, am Südpol und habe endlich Schnee gefunden, den ich vergnügt in die Luft werfe und damit den neuen grasgrünen Teppich der Bibliothek einweihe, den nur ich mit meinen roten Clownschuhen betreten durfte. My boots are made for playing! Und zumindest in der Geschichte lassen die Eltern dann auch endlich ihre Arbeit ruhen und spielen im Schnee mit den Kindern.

Nach der Vorstellung nimmt mich ein Junge an der Hand, zieht mich zur Treppe und sagt, ich solle noch mit in den Kindergarten kommen. Ja, das fände ich in jedem Fall lustiger als zum Matheunterricht in die Schule, denke ich und erkläre ihm, dass ich aber später noch eine Vorstellung machen muss und deswegen nicht mitkommen kann. Der Junge hat Verständnis und lässt meine Hand. Wir fahren weiter in den Münchner Westen.

Eine Hochhausgegend erwartet uns und eine zweite Bibliothek. Viel größer und modern ausgestattet. Meine Füße in den roten Schuhen tanzen erneut auf die Spielfläche. Ein Mädchen steht plötzlich auf der Bühne und will mitspielen. Sie baut sich wie eine kleine Ringkämpferin vor mir auf, und wir umkreisen uns eine Runde, dann bitte ich sie wieder auf ihr Sitzkissen. Aber da hält sie es nicht lange aus. Es reißt sie immer wieder hoch, oft will sie mir helfen, dann spiegelt sie meine Bewegungen, wie auch weitere Kinder, von denen viele sehr lebhaft und vor allem neugierig sind. Gleichzeitig sind dort andere Kinder, die erst im Verlauf des Stücks auftauen. Ein Balanceact für mich, alles im Gleichgewicht zu halten und mich auf die Geschichte zu konzentrieren. Ich setze vor allem viel Körpersprache ein, weil ich spüre, dass nicht alle Kinder den sprachlichen Feinheiten folgen können. Später kommt ein Kind zu mir und sagt verschwörerisch: „Du, das Lied ‚Schneeflöckchen, Weißröckchen‘, das kannte ich schon.“ Und dann brauche ich gar keinen Schneebesen, um die Schnee-Watte einzusammeln, weil alle Kinder mir helfen. Wer dabei war, weiß, wie schön Auftritte sind. Und als ein Kind seinen Kopf an mich legt, weil wir uns mögen, schmelze ich auch ohne echten Schnee dahin.

Auf der allerletzten Reise für heute merke ich, dass ich Muskelkater habe von der vielen Action. Ist aber ja auch kein Wunder: Zweimal sind wir in unserer Phantasie von Norden über Afrika und das Feuerland nach Süden gereist und am gleichen Tag auch noch innerhalb Münchens von Osten nach Westen. In alle Himmelsrichtungen also. Da würde sogar ein alter Seebär staunen. Und ein ganz schlauer Scholli würde denken: Es ist doch keine Milchmädchenrechnung, im Süden Schnee zu suchen! Da gibt’s lustige Pinguine, mehr Eis als in jeder Eisdiele und keine gefährlichen Eisbären, die Clowns frühstücken!

Und ich hoffe einfach, dass die großen Menschen immer verstehen werden, wie wichtig Auftritte sind und dass es Orte dafür braucht, wo alle zusammenkommen und eintauchen können in eine andere Welt, in der man mit einfachen Mitteln viel machen kann. Leise und sacht. Laut und bedacht. Mit diesem Gedanken tauche ich ein in eine sternenklare gute Nacht!
 
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