Sonne und Mond (10. Dezember 2025)

Der Mond steht am Himmel. So früh bin ich aufgestanden, um zum Auftritt zu fahren. In der Straßenbahn gibt es einen Beziehungsstreit per Telefon in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ein Mann telefoniert mit einer Frau. Die Frau ist auf laut gestellt und außer Rand und Band vor Zorn. Der Mann wird auch immer aufgebrachter und redet dann wieder mit ruhiger, besänftigender Stimme. Abrupt ist das Gespräch beendet. Angenehme Stille breitet sich aus, und die Bahn saust durch die Nacht. Ich denke an eine Kindergeschichte, wo eine Straßenbahn mit einem kleinen Jungen als Fahrer bis in den Himmel fliegt. Er landet nur ab und zu auf der Erde und verkauft Eis.

Ich betrachte die nächtliche Stadt mit all ihren Lichtern, wie sie langsam zu neuem Leben erwacht. Ich steige aus. Mit mir der Mann mit dem lauten Telefon. Er schwankt und hat eine Bierflasche in der Hand. Er sieht traurig aus. Vielleicht hat er nicht geschlafen und in der Nacht versucht, seine Sorgen zu ertränken? Am Morgen hat der Kummer ihn wieder eingeholt. Er strahlt eine tiefe Traurigkeit, fast schon Verzweiflung aus und geht weiter. Auch wenn Menschen andere Sprachen sprechen: Gefühle sind international verständlich.

Ich laufe eine Station zum Bahnhof und lüfte meine Gedanken. Ich ziehe meinen Koffer an einem Geschäft mit blitzblank geputzten Klavieren und Flügeln vorbei. Ein Auto mit der Aufschrift „blitzschnell blitzblank“ saust vorbei. Ein Büro mit lauter Computern, akkurat in Reih und Glied aufgestellt, wartet vermutlich auf Menschen, die ihre Finger in die Buchstabentasten hauen. Die Computer wirken fast schon verstaubt im Vergleich zu den blitzblanken Klaviertasten nebenan.

Beim Bahnhof bewegt sich ein Mann mit einem Blindenstock, tastend und schwer schnaubend. Richtung Bahnhof. Er läuft langsam. Seine Füße heben sich nicht. Sie kriechen wie Schnecken schwerfällig über den Boden. Gleitend, Schritt für Schritt. Er zieht ein schweres schmutziges, windschiefes, Koffergehäuse hinter sich her. Er macht eine Pause und hält sich an einem wackeligen Geländer fest, dann bewegt er sich langsam, Zentimeter für Zentimeter, aber zielstrebig zum Zug. Als ich in die Bahn steige, lächelt mir eine alte, gebrechliche Frau zu. Ich lächele zurück.

Heute haben wir in Sachen Humor einiges vor, und ich freue mich drauf. Wir spielen „Glucks, die Drachenbezwingerin“, eine Abenteuergeschichte, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Es geht um Angst und die Überwindung von Angst. Wir haben die Duoversion des Stücks lange nicht gespielt. Ich bin ein bisschen aufgeregt und lese den Text noch mal durch.

Der Auftritt ist schön. Wir stürmen auf die Bühne, und Frieda, die weltbeste Geschichtenerzählerin, beginnt mit der Geschichte. Die Kinder fiebern mit und zeigen ihre Anteilnahme. Ganz aufgeregt rufen sie rein, dass ich mein Buch „Die Kunst des Drachenbezwingens, ein Fortgeschrittenenkurs für Anfänger“ nicht vergessen darf und unbedingt auf meine Reise mitnehmen muss! Als ich nach vielen Begegnungen mit einer kurzsichtigen Bibliothekarin, einem fröhlichen Verkäufer, einem kleinen Mädchen und einem Räuber endlich die Drachenhöhle finde, bekomme ich als „berühmte Drachenbezwingerin“ plötzlich Muffensausen. Aber die Kinder sprechen mir Mut zu: „Du schaffst das!“ Und die letzten letzten beiden Reihen bilden einen Sprechchor und rufen: „Geh da rein, geh da rein!“ Als der Drache sich als klein und harmlos herausstellt und die Erwachsenen bemerken, auf welchen Schwindel sie hereingefallen sind und dass sie sich in Wirklichkeit nur vor sich selbst gefürchtet haben, müssen sie lachen. Sie lachen und lachen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann lachen sie noch heute! Außer sie haben sich totgelacht.

Wir aber machen quicklebendig weiter und geben einen Workshop für zwei zweite Klassen. Wir spielen unterschiedliche Gangarten und Tempi: Zeitlupe und hektisches Gehen. Außerdem jede Menge Emotionen. Lustig wird’s auch, als wir uns uns in angesehene Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verwandeln, die auf einer internationalen Konferenz tagen. Ein Mädchen spielt eine hochrangige Professorin , die sich endlich mal mit dem Münchner Verkehrsverbund beschäftigt. Eine andere hat Zahnpasta erfunden, und eine dritte weiß, dass Café nicht aus Café besteht! Ein Junge fragt mich, wo mein Projekt steht, und sagt, er werde mir später auch sein Projekt zeigen.

Am Ende gehen die Kinder noch mal einzeln oder in kleinen Gruppen mit Gefühlen oder lustigen Gangarten auf den roten Teppich, und der Applaus gehört ihnen!

Alle strahlen wie die Sonne, und während wir unsere Sachen packen, denken wir: Was für ein schöner, warmherziger Ort zum Spielen. Und auch wir strahlen wie zwei Honigkuchenpferde!

 
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