Erinnerung an eine Begegnung (4. Dezember 2025)
Weil ich bald einen Auftritt in Landshut habe und die dortige Adresse „Liesl-Karlstadt-Weg“ ist, muss ich an einen Sommertag vor etwa drei Jahren denken. Wir waren vormittags als Duo mit einer Familientheatervorstellung zu Gast bei der „Gesellschaft unterm Apfelbaum“, sind danach zu Judith nach München gefahren, um nach einer Pause später am Nachmittag bei einem privaten Geburtstag ein zweites Mal aufzutreten. Der Einfachheit halber blieben wir gleich geschminkt. Bei Judith angekommen, begegnete uns hinter ihrem Haus eine Frau, die uns nach dem Weg zum Karl-Valentin-Musäum fragte. Sie fragte freundlich und zeigte in Richtung Innenstadt. Sie trug allerdings eine Art Kittel und ansonsten nur Hausschuhe und erweckte eher den Anschein, Bewohnerin eines Krankenhauses oder Pflegeheims zu sein als eine Museumsbesucherin. Sie sagte, sie wolle da jetzt hin.
Wir rieten ihr, erst mal eine Pause zu machen. Judith holte einen Stuhl und ein Glas Wasser aus ihrer Wohnung, ich blieb derweil bei der Dame. Sie schaute mich an und sagte plötzlich: „Liesl Karlstadt wurde völlig unterschätzt. Ohne sie hätte der Valentin niemals den Erfolg gehabt, den er zeitweise hatte.“ Sie wirkte plötzlich sehr klar im Kopf und kein bisschen verwirrt, und wir plauderten ein Weilchen. Sie erwähnte, sie sei die Direktorin des Musäums, nannte mir eine Festnetz-Telefonnummer, die die Nummer des Museum sei, wenn ich da mal anrufen wolle, und vermutete, es werde am heutigen Sonntag sicherlich gut besucht sein.
In der Zwischenzeit war Judith mit Stuhl und Glas Wasser zurückgekehrt und entdeckte am Arm der Dame ein Bändchen, auf dem der Name eines nahegelegenen Pflegeheims stand. Judith erreichte das Heim telefonisch. Wir erfuhren, dass die Dame dort ausgebüxt war und bald hier abgeholt werde. Wir plauderten noch ein Weilchen; sie erzählte von Liesl Karlstadt und ihrem Talent. Kurze Zeit später holte sie allerdings kein Chauffeur zum Musäum ab, sondern ein Pfleger, der sie begrüßte mit „Mensch, Sie machen Sachen! Wir haben uns schon Sorgen gemacht!“ Und aus der ehemaligen Direktorin (wenn es stimmt, was sie erzählt hatte), die einfach zurück zu ihrem alten Arbeitsplatz wollte, wurde mit einer Änderung ihrer Körperhaltung wieder eine alte Frau, die ins Heim zurückgebracht werden würde. Ich fand es ein bisschen traurig, als sie ging. Aber wir mussten weiter, gingen unserer Arbeit nach und hatten als Clowns noch einen schönen zweiten Auftritt.
Ob man nun Direktorin ist oder nicht, Clown ist oder nicht: Auf vieles im Leben hat man keinen Einfluss. Aber vielleicht ist es ja dieser Dame zu verdanken, dass das Karl-Valentin-Musäum 2001 in „Valentin-Karlstadt-Musäum“ umbenannt wurde?
Ich habe ein Zitat von Liesl Karlstadt gefunden, das sie 1949 zu einem Journalisten der „Süddeutschen Sonntagspost“ gesagt hat: „Wissen S’, auf der Bühne, da hab ich halt die Schneid, aber nachher ist alles wieder vorbei und i muaß mi ehrlich plagn! Gschenkt krieg i aa nix! Glei nach der Währungsreform hams mir mei Gage runtergsetzt auf fünfzig Prozent, weil die Eintrittspreise heruntergegangen sind. Wie’s dann aber wieder in die Höh sind, hat die Stadt das Versprechen, das sie mir gebn hat, wieder vergessen. Ich kann nur hoffen, dass mich die Stadt München ned im Stich laßt, sonst muss ich hungern oder wieder zum Tietz als Verkäuferin gehn. Wie ich als siebzehnjähriges Mädel von der Kurzwarenabteilung weggegangen bin, hat der Personalchef zu mir gsagt, i soll wiederkommen, wenn’s mir einmal schlecht geht im Leben.“
Und während ich das schreibe, denke ich: Ja, so kann es gehen im Leben. Die Leute erfreuen sich an der Kunst, vergessen aber schnell die Menschen, die sie ermöglichen. Auch wenn sie (noch) nicht dement sind.
Manch eine Künstlerin wie Liesl Karlstadt oder ein Künstler wie Karl Valentin werden Jahre nach ihrem Tod wiederentdeckt; plötzlich erinnert man sich gerne an sie, benennt Straßen und Plätze nach ihnen – aber zu Lebzeiten hätte es ihnen sicherlich mehr gebracht, wenn man sie gar nicht erst vergessen hätte …
(Da fällt mir ein: Man könnte den Knödlplatz im hippen Werksviertel in München in Semmelnknödelnplatz umbenennen, als eine Art „hungriges Symbol“ für die Portion Humor des Künstlerduos Karlstadt/Valentin, die sie der Welt geschenkt und gleichzeitig bestimmt gerne in hungrigen Zeiten selbst gegessen hätten.)



