Die Kunst des Drachenbezwingens (12. Oktober 2026)

Heute bin ich Glucks, die Drachenbezwingerin. Es gibt zunächst einige brutale Vorschläge von Kindern, wie ich den Drachen bezwingen könnte: „Eine Axt!“ – „Schwanz abschneiden!“ – „Messer in den Mund werfen!“ Und dann fällt ein Satz, den ich beim Kindertheater noch nie als Vorschlag gehört habe: „Du brauchst eine Atombombe!“

Bei diesem Satz bleibt den über Achtzehnjährigen der Mund offen stehen, und mir fällt nur ein zu sagen: „Nein, keine Atombombe. Die Zeiten sind vorbei!“

Ich weiß nicht, ob der etwa vierjährige Junge überhaupt so genau weiß, was er da sagt. Aber er spürt die Wirkung des Wortes Atombombe und lässt es deshalb auch später noch ein paar Mal fallen. Wahrscheinlich hat er es irgendwo in der Erwachsenenwelt aufgeschnappt. Ein Mädchen schlägt zum Ausgleich vor: „Ihr könnt Freundschaft schließen!“ Und ein anderes meint: „Miteinander reden!“

„Voll pädagogisch“, antworte ich grinsend und auch ein bisschen erleichtert.

Ja, bei uns im Kindertheater geht es zur Sache. In der Geschichte lerne ich das Drachenbezwingen natürlich auf meine ganz eigene Art. Gleich zu Beginn sagt eine Frau mit blonden Dauerwellen, der Drache sei gar nicht böse. Die Erwachsenen in der Geschichte erklären sie für verrückt.

Los geht’s mit dem Abenteuer. Zuerst besorge ich mir in der Bibliothek einen Ratgeber: „Die Kunst des Drachenbezwingens – ein Fortgeschrittenenkurs für Anfänger“. Anschließend gehe ich in die Spielzeugabteilung, um mich auszurüsten. Dort bekomme ich ein Plastikschwert. Danach erlerne ich Kung-Fu in der „Red Dragon Kampfsportschule“. Und weil ich außerdem eine mitfühlende Drachenbezwingerin bin, absolviere ich noch einen Erste-Hilfe-Kurs. Denn auch Drachen haben ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und angemessene medizinische Versorgung!

Als ich in der Erste-Hilfe-Szene einen Verband hervorhole, ruft der etwa vierjährige Junge: „Das ist Klopapier!“ Er findet seinen Witz selber so lustig, dass er lachen muss. Die anderen Kinder lachen mit.

Die Vorstellung ist lebhaft und dann wieder sehr konzentriert. Heute spiele ich wirklich gern eine Drachenbezwingerin. Eine Drachenbezwingerin, die mit friedlichen Mitteln kämpft. Mein Schwert verschenke ich an den Räuber, der es nicht schafft, andere auszurauben. Mit dem Schwert kann er von nun an die Menschen beschützen.

Als ich das Schwert freiwillig hergebe, bleibt den unter Achtjährigen der Mund offen stehen. So etwas Wertvolles wie ein Plastikschwert verschenkt man doch nicht einfach! „Wie willst du denn den Drachen ohne Schwert besiegen?“, fragen sie.

Und da sagt der etwa vierjährige Junge nicht: „Mit einer Atombombe!“, sondern: „Sie hat doch noch den schwarzen Gürtel und kann Kung-Fu!“ Da lachen die Erwachsenen.

Als Glucks stürme ich schließlich in die Drachenhöhle und fliehe verängstigt gleich wieder aus ihr heraus. Der Drache wimmert allerdings nur jämmerlich, und die Kinder im Publikum erkennen, dass er nicht so böse ist, wie alle dachten. Auch ich traue mich erneut mutig in die Höhle und erkenne: Der Drache ist gar keine Gefahr.

Und da sehe ich es endlich: Er trägt tatsächlich blonde Dauerwellen, genau wie die Frau, die zu Beginn der Geschichte gesagt hatte, er sei gar nicht böse. Alle hatten sie für verrückt erklärt. Sie war es nicht.
 
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