Koffer im Gepäck (9. Oktober 2026)

Ich glaube, ich bin heute aus Versehen während einer Psychotherapiestunde Zug gefahren. Ich wollte eigentlich auf der Rückreise eine Geschichte über meinen heutigen Auftritt als Clownin im Giesinger Bahnhof schreiben; aber ich werde in eine andere Geschichte hineingezogen.

Mein Clownskoffer und ich schauen zu:

Ein junger Mann, den ich nur von hinten sehe, klagt einer älteren, freundlichen Frau mit wachen Augen sein Lebensleid. Vielleicht ist sie seine Therapeutin. Vielleicht auch nur jemand, der sehr geduldig zuhört. Der Mann arbeitet zu viel. Er ist ausgebrannt. Selbst Sport geht nicht mehr. Die Frau seufzt und nickt, und ich sitze dahinter. Trennungserfahrungen. Liebeskummer. Nichts bleibt geheim. Ich komme mir vor wie ein Abhörgerät. Erstaunlich, wie lange Menschen über sich reden können.

Ich frage mich, ob ich jemals so lange über mich nachgedacht habe. Wahrscheinlich brauche ich eine Therapie, um herauszufinden, ob das normal ist. Spaß. Ich freue mich über meinen Witz. Während ich nachdenke, wie wenig ich über mich nachdenke, denke ich ja auch über mich nach … Oh, ein logischer Knoten! Der Mann verrät weitere intime Details aus seinem Leben. Ich seufze wie die Frau. Nur nicht ganz so mitfühlend. Eher genervt. Ups.

Jetzt kommt die Frage aller Fragen: „Wie lange bist du schon Single?“ Ist das ein Ratespiel für die Bahnfahrer? Soll ich mich melden? Ich tippe auf vier Jahre. Wer bietet mehr?

Da sagt er seufzend: „Zwei Monate.“ Ich muss lachen. Jetzt bin ich ziemlich sicher: Sie ist seine Therapeutin. Sie seufzt, nickt betroffen und sagt mitfühlend: „Oh!“ Er fühlt sich angespornt und packt noch weitere Details aus seinem Liebesleben aus.

O je. Ich wünsche mir die Gruppe von der Hinfahrt zurück – leicht angeheitert, aber gut drauf. Der Mann dreht sich zur Seite. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie verflixt gut er aussieht. Auch das noch! Trotzdem hatte ich heute nicht vor, in einer Psychostunde zu landen.

Die Therapeutin beugt sich nach vorne und schaut aufmerksam in seine Richtung. Hat sie gemerkt, dass ich zuhöre? Die angespannte Stimmung schwappt zu mir herüber. Ich versuche mich zu entspannen. Es geht nicht. Ach, deswegen haben alle um mich herum Kopfhörer auf! Auch ein Problem: wenn man die Trends immer verschläft. Mein letzter Walkman hatte noch Kassette. Vielleicht geht statt einer Therapie ja auch eine Trendberatung? Dann säße ich jetzt so im Zug wie die anderen: hip und dynamisch, mit Rollkoffer, ohne Clownsgepäck. Dafür mit Außenwelt-Ausschaltknopf im Ohr.

Ich war noch nie gut darin, meine Umgebung auszublenden, wenn ich Teil davon bin. Auf der Bühne ist das von Vorteil, im Alltag manchmal anstrengend. Die Stimme des Mannes mit den Problemen klingt monoton. Langspielplatte. Eine Art Hörbuch mit Beschwerden. Jetzt stöhnt er. Und ich auch gleich. Es geht um Frauen. Viele Frauen. Die Frauen wollten immer seine Probleme lösen, aber er wollte nur seine Ruhe haben. Und dann kommt es: Es geht um ein anderes Problem. Um sein Problem mit Koffern.

Mit Koffern? Habe ich richtig gehört? Ja. Es sind Koffer! Gut, dass mein alter Koffer mit meinen Clownssachen und den beiden daran befestigten Kinderstühlen nicht in seinem Blickfeld steht. Ich ziehe ihn etwas näher an mich ran.

Hinter seinem Kofferproblem steckt eine lange Leidensgeschichte. Seine Erzählweise wirkt routiniert, als hätte er alles schon hundertmal erzählt. Trotzdem tut er mir leid. Die Koffer erinnern ihn an seinen Dad. Und an Kontoauszüge. Bitte was? Kontoauszüge? Ja, ich habe mich nicht verhört!

O je. Ich denke, die Behandlung dauert noch bis Berlin. Jetzt sind wir in Augsburg. Ich bin erleichtert. Nicht jede Geschichte muss geschrieben werden. Ich steige aus. Mit meinem Koffer. Ohne Kontoauszüge.

 
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