Voller Tank (3. Oktober 2026)
Seit sechs Jahren befällt mich Anfang Herbst eine gewisse Schwermut. Der Druck, „funktionieren“ zu müssen, war als freie Künstlerin immer da – aber er hat sich verändert. Durch die Krisen der letzten Jahre fühlt es sich an, als müsste ich noch das letzte Geld mitnehmen, das mir bleibt. In diesem Jahr hörte ich häufig: Man wisse nicht, ob wieder eine Veranstaltung für Kinder stattfinden könne. Des Geldes wegen. Jedesmal spüre ich einen Stich im Bauch. Nicht nur meinetwegen – auch wegen der Kinder.Es ist, als läge ein Felsbrocken im Weg. Viele um mich herum scheinen sich damit abgefunden zu haben. Ich denke: Dann räumen wir ihn halt weg und genießen das Leben. Man kann doch nicht akzeptieren, dass so viel Schönes verschwindet. Aber allein trägt man keinen Felsbrocken fort. Seit 2020 liegt für mich eine gesellschaftliche Akzeptanz der Verschlechterung in der Luft. Die Kunst hat sich dabei zunehmend darauf verlegt, zu beteuern, dass sie wichtig ist, statt auszusprechen, was ihr wichtig ist.
Es kostet viel Energie, für andere Menschen etwas Schönes auf die Beine zu stellen. Und alle Ressourcen sind endlich – nicht nur die finanziellen. Trotzdem wird über Geld geredet, als wäre es die einzige Ressource. Menschen werden wie Bittsteller behandelt: Der Bevölkerung werden gönnerhaft Tankrabatte gewährt wie im Supermarkt – fehlt nur noch der Rabattcode gleich auf der Steuer-ID. Ich will keinen Rabatt. Ich will ein schönes Leben, egal ob ich zu Fuß gehe, Bahn oder Auto fahre.
Ein Kollege, dem ich für vier Wochen Geld geliehen hatte, rief mich neulich stolz an: Er könne mir schon nach drei Wochen etwas zurückzahlen. Drei Minuten später rief er wieder an. Er hatte vergessen zu tanken und musste noch zum Auftritt. Ob ich ihm schnell etwas zurücküberweisen könne. Da musste ich lachen und dachte: So ist das bei uns Clowns. Da hilft kein Tankrabatt, sondern nur ein voller Tank.
Ähnlich gnädig wurde uns in der Corona-Zeit verkündet, ob wir auftreten durften oder nicht. Meistens nicht. Der Ausgleich war – wenn überhaupt – lediglich finanzieller Natur. Viele mussten später sehr viel zurückzahlen. Man wurde mit Durchhalteparolen gelockt, das alles sei nur vorübergehend. Ich ahnte bereits damals, dass das nicht stimmt.
Seitdem haben einige Künstlerinnen und Künstler der Branche den Rücken gekehrt oder machen zusätzlich Jobs, die müde machen. Nicht jeder hat eine so große Reichweite, dass das überhaupt jemand mitbekommt. Zwei Wochen nach dem ersten Lockdown fragte mich eine Bekannte, ob ich finanziell über die Runden komme oder ob sie mir helfen könne. Das hat mich überrascht und auch ein wenig gefreut. Neulich habe ich gesehen, dass wir auf den sozialen Medien nicht mehr befreundet sind. Ich weiß nicht warum.
Manche Menschen haben ein Bild von Künstlerinnen und Künstlern – und wehe, man wagt, ein anderes von sich zu zeichnen. Oder einen Gedanken zu äußern, ohne sogleich zu erklären, dass man gleichzeitig tausend andere haben kann, die sich vielleicht sogar widersprechen. Genau das ist vermutlich der Grund, warum viele möglichst wenig von sich preisgeben. In der Kunst wie anderswo sind jene erfolgreicher, die wenig Widerspruch zeigen.
Dieses Jahr wurde ich gefragt, ob ich bei einem Auftritt nicht selbst die Finanzierung „mitbringen“ könne. Bei einem anderen sollte ich plötzlich einen Masernschutznachweis und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen – bezahlt von meiner Gage. Für einen vierzigminütigen Auftritt für Eltern und Kinder. Nope, habe ich gesagt. Mache ich nicht. Musste ich dann auch nicht – aber nur weil der Auftritt in einem Münchner Kulturzentrum stattfand und nicht in einer Einrichtung.
2021 war es noch umgekehrt: Damals hätte ich wegen der geltenden Corona-Verordnung in einer Münchner Einrichtung spielen können, aber nicht im nahegelegenen Kulturzentrum. Der Kindergarten hatte zu wenig Platz; der Auftritt durfte trotz Erlaubnis nicht stattfinden. Was einem nicht alles für Steine in den Weg gelegt werden! Man könnte einen guten Cartoon daraus machen und würde nicht glauben, dass das alles echt ist. Titel: „Wir haben es nicht besser gewusst.“ Seit ein oder zwei Jahren muss ich bei Projektförderungen „Demokratieerklärungen“ unterschreiben. Früher musste ich das nie. Hoffentlich muss ich nicht eines Tages die Demokratie selbst mitbringen. Und das Geld.
Ich werde weitermachen – aber nur so lange, wie ich selbst Freude daran habe. Nicht um jeden Preis und bestimmt nicht, wenn ich eines Tages unterschreiben soll, dass Kinder nicht mehr lachen dürfen und ich keine Witze mehr machen darf. Eigentlich will ich gar nichts Großes, sondern nur ungestört meine Arbeit tun. Die Steine auf dem Weg nerven. Ich glaube, ich schreibe seit drei Jahren auch ein bisschen dagegen an.
Doch oft, wenn die Schwermut am stärksten ist, kommen plötzlich besonders herzlich geschriebene Buchungszusagen. So war es auch letzte Woche. Dann denke ich: Es geht doch weiter, mit der Schönheit. Ohne sie können wir Menschen nicht leben. Und in Gedanken steige ich auf den Fels und schaue mich um.



