Ha Ha- sehr lustig! (22. September 2026)
Lachen ist ein schönes Gefühl. Nur – wie gelingt es, die Menschen dazu zu bringen? Clownschulen werden gegründet, Fortbildungen werden angeboten und Lachyoga-Kurse, in denen man gemeinsam lacht.
In München hängen viele Plakate von Klinikclowns, die Freude in die Krankenhäuser bringen. Lachen ist gesund, sagt man, und deshalb liege es nahe, es zu kranken Menschen zu bringen. Schließlich sei es neben Schlaf die beste Medizin.
Haben wir es beim Lachen also mit einem nebenwirkungsfreien Wundermittel mit Zauberkräften zu tun, das die Menschheit besitzen möchte, um sich vom Tier zu unterscheiden? Müssen wir deshalb auf Fotos stets lächeln?
Ist Lachen so wertvoll wie in der großartig gespielten Kinderserie „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ aus dem Jahr 1979, in der der größte Schatz der Hauptfigur Timm Thaler sein herzliches, ansteckendes Lachen ist? Das wiederum erweckt die Gier des geheimnisvollen Barons Lefuet, der alles besitzt, nur kein Lachen! Deshalb bietet er Timm einen Handel an: Timm verkauft sein Lachen und gewinnt dafür künftig jede Wette.
Wer nun meint, ich offenbare ein Rezept für die richtige Dosis Lächeln oder rate gar, sich täglich im Spiegel selbst anzugrinsen und zuzuflüstern: „Ich bin lustig!“, oder gebe als Hausaufgabe auf, mit einer Flasche Wein und einer Komödie zum Lachen in den Keller zu gehen, der irrt.
Ich werde heute auf die andere Seite wechseln – auf die humorlose! Ich werde analysieren, was noch hinter dem Lachen stecken kann. Ha ha. Sehr lustig.
Hinter Witzen kann sich konformes Denken verbergen. Macht der Chef Witze über seine Untergebenen, um „oben“ und „unten“ zu zementieren? Lächeln die Angestellten nur aus Höflichkeit (und weinen innerlich)? Wer über den Witz von oben lacht, lacht selten frei, sondern aus Vorsicht und aus Gewohnheit.
Und geht es dabei nicht um das Verfestigen von Macht? Wer schon einmal ausgelacht wurde, weiß, wie unangenehm sich das anfühlt: Alle lachen, nur man selbst nicht.
Über andere zu lachen ist die einfachste Art, dazuzugehören. Wer nicht mitlacht, gilt schnell als humorlos. „Verstehst du etwa keinen Spaß?“ ist der Satz, mit dem sich fast jede Grenze überschreiten lässt, und wer ihn ausspricht, hat die Lacher meist schon auf seiner Seite. Beim konformen Witz geht es häufig um die Unterwerfung unter festgesetzte gesellschaftliche Hierarchien.
Meiner Beobachtung nach leben wir in einer Zeit, in der sich einige über die lustig machen, die sagen, man dürfe nicht mehr alles sagen, und im selben Atemzug fordern, dass bestimmte Künstlerinnen und Künstler dies oder jenes nicht mehr sagen dürfen. Ein Witz eigentlich, nur versteht ihn keiner, weil der Tusch fehlt, der ihn wie beim Karneval als Gag markiert. Letztlich geht es auch hier um Kontrolle und um Macht. Das Gesagte muss zu dem passen, was man selbst gerne hört. Und der geschäftstüchtige Spaßmacher weiß, was gerade gesagt werden darf, und sagt es! So begeistert man die Massen. Follow the money! For a joke. A gig for a gag.
Man sieht also: Bei Witzen geht es manchmal auch um Manipulation. Man kann durch das Lustigmachen über Personengruppen andere sogar zu Hass bewegen. Durch Entmenschlichung, durch die Erlaubnis, auf der Bühne, in der Talkshow, heimlich zu Hause vor dem Fernseher oder im Theater einmal richtig die Sau rauszulassen, was man im Alltag niemals dürfte.
Und dann gibt es das Lachen, das gar keines ist. Kinder sollen in die Kamera lächeln, auch wenn ihnen nicht danach ist: „Sag Cheese!“ Die Verkäuferin lächelt, obwohl sie seit Stunden auf den Beinen ist, der Kellner, obwohl der Gast unfreundlich war, und auf Fotos und in sozialen Netzwerken lächelt ohnehin fast jeder.
Wer immer lächeln muss, darf nie müde, traurig oder wütend sein. Haben wir es hier mit dem Prototyp des idealen, stets arbeitswilligen, kontaktfreudigen und angepassten Menschen zu tun – dem, der seinen Platz gefunden hat? Ist dieses Lächeln nicht sogar das prominent platzierte Bewerbungsbild für die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“, wo alle meinen, selbst dazuzugehören – und andere möglichst draußen halten möchten? Auch das ist wieder ein Witz ohne Tusch.
Aber keine Sorge: Für solche Sätze gibt es keine Standing Ovations. Für ihn schon: Der Chef hält eine Rede, lächelt und sagt: „Ich bin die Mitte. Ohne mich kein Cheese. Wer dazugehören will, macht Cheese und kriegt Cheese. Der Rand hält gefälligst den Rand. Wir sind die Mitte. Sei der Cheese der Gesellschaft!" Ha ha. Pflichtgelächter. Ho Ho. Der Käs ist gegessen. Man steht ja in der Mitte zusammen. Wie ein Cheeseburger. Und Lachen soll ja verbinden und nicht hinterfragen. Beruhigungsmittel der Mitte. Nicht witzig? Vom Rand aus schon. Da stehe ich gelegentlich. Witz – immer auch eine Frage der Perspektive.
Das Lächeln wirkt viel harmloser und kontrollierter als das Lachen. Es signalisiert: Ich zeige dir meine Zähne, ich tue dir nichts. Vielleicht ist genau das das Besondere am lauten Lachen: Es ist frei. Es kommt, wann es will. Es befällt jeden. Die einen häufiger als die anderen. Und es wird weniger gerne fotografiert. Das Lachen lässt sich anders als das Lächeln nicht einfangen und einsperren. Es lacht. Manchmal kann es sehr fies sein. Gerne nimmt es nicht sich selbst aufs Korn, sondern andere. Es lacht andere aus.
Das ist übrigens der Grund, warum ich gelegentlich auf den einen oder anderen Joke verzichte. Es geht mir als Clown eben nicht immer nur um Lachen, sondern auch um die ganze Palette anderer Gefühle, die genauso wertvoll sind: Neugier, Traurigkeit, Wut, Angst, Staunen und auch Heiterkeit. Ich mag Wortspiele, Poesie und Geschichten, die erlebt werden. Wenn einem dabei zum Lachen zumute ist: schön. Aber das Wertvolle bin ich und jeder einzelne im Publikum. Der Esel nennt sich selbst zuerst. Und das Lachen des Publikums hat keinen Besitzer.



