Fliegender Fliegenpilz (18. September 2026)

Ich bin auf dem Weg in mein Requisitenlager. Bei der Frohsinnsstraße steige ich aus. Vor mir eine Frau in einem Pullover mit der Aufschrift „Always right“.
„Always wrong“ hätte ich lustiger gefunden. Sei’s drum. In der Hand trage ich einen Fliegenpilz. – besser gesagt: ein Bild von einem fliegenden Fliegenpilz, für unser Stück „Glucks, die Überfliegerin“. Frisch laminiert vom Copy-Shop. Hinten drauf muss noch ein fliegender Fisch und dazwischen ein Stab.
Gedanklich gehe ich den Text durch. Ich habe jetzt schon einen Lieblingsdialog. Da treffe ich als Clownin Glucks bei meiner Notlandung in Australien auf einen Work-Life-Balance-Coach, und er sagt zu mir: „Ich bringe dein Leben in Balance!“, und ich antworte: „Du bringst mich ganz durcheinander!“
Ach, wenn es nur das Spielen auf der Bühne wäre, dann wäre ich in meinem Element. So ist es aber nicht, ich muss ja auch noch Werbung machen und eine Pressemitteilung verschicken. Lieber würde ich heute an der Eimerszene weiterarbeiten: wie ich im Eimer hängen bleibe und dann über Dr. Düses Aktentasche stolpere. Gar nicht so leicht – wie es dann im November vor Publikum hoffentlich aussieht.
„Aber jetzt bloß nicht im Selbstmitleid versinken!“ antwortet mein innerer Work-Life-Balance-Coach. „Andere haben viel härtere Arbeit!“ Wie zum Beweis donnert ein Müllauto in die Straße und hält vor den wartenden Tonnen. Er hat ja recht, mein innerer Coach. Nur nervt es ungemein, wenn er recht hat. Ich nenne ihn in Gedanken „Mr. Always Right“. Er will immer das letzte Wort haben.
„Danke, Mr. Always Right“, murmle ich und schließe die Lagertür auf. Drinnen herrscht ein heilloses Durcheinander. Von den sieben anderen Stücken und von der Jubiläumsfeier. Ich schiebe die Sachen zur Seite. Heute wollte ich anfangen, die Pressemitteilung zu formulieren. Es müssen ja genug Menschen vom Auftritt erfahren. Im stillen Kämmerlein proben reicht ja nicht. Wenn Publikum kommt, ist es viel schöner.
Aber zuerst den Fliegenpilz auf die Rückseite vom fliegenden Fisch kleben. Ich freue mich über den gut klebenden, doppelseitigen Klebestreifen. Mist, er klebt auch gut auf meiner Hand. Geschafft. Die Bilder sind am Stab befestigt.
Ich zücke mein Smartphone. „Sehr geehrte Damen und Herren“, tippe ich, „bald hebt Glucks ab …“ Mist, der Kleber klebt auch gut am Smartphone.
Mr. Always Right räuspert sich innerlich: „Das klingt nicht so professionell. Eher abgehoben:“
Ich antworte: „Du nervst!“
Mr. Always Right: „Ich bringe nur Klarheit in dein Leben.“
Ich: „Du bringst mich um den Verstand.“
Ich lösche den Satz nicht. Ich vertage die Pressearbeit und lese stattdessen das Skript. Ist ja noch eine Weile hin.
Ich freue mich aufs Spiel. Ich glaube, es wird richtig lustig. Und da könnte sogar Mr. Always Right zustimmen, wenn er nicht gerade am Klebestreifen zwischen dem fliegenden Fisch und dem Fliegenpilz festgeklebt wäre. Ich höre ihn grummeln: „Fliegenpilze können gar nicht fliegen. Wer kommt eigentlich auf so eine abgehobene Idee?“
 
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