Kopfstand (25. August 2026)

Ich fahre zum Auftritt. Die Gepäckablage im Zug spiegelt die Passagiere vor mir. Es wirkt, als stünden sie auf dem Kopf. Eine Frau flicht sich mit Hingabe einen Zopf und betastet vorsichtig ihr Kunstwerk. Das wirkt wie eine Kunstperformance über Schönheit. Die Kopfstehende und die anderen Passagiere sehen schön aus. Vielleicht weil sie sich in dem Moment gar nicht um Schönheit bemühen? Das Licht umschmeichelt die umgedrehten Gesichter. Ein Mann lacht plötzlich ins Telefon. Hat ihn ein gedanklicher Kopfstand dazu gebracht?

Als ich aussteige, läuft ein sehr kleines Mädchen auf Stöckelschuhen den Weg entlang. Findet es die Schuhe schön? Oder wurde ihm gesagt, dass diese Schuhe schön seien? Schönheit und Humor sind immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Wer was schön findet, welche Geschichten erzählt und wer über was lacht, steht immer auch im Kontext des Zeitgeistes.

Das Wort „Humor“ kommt vom lateinischen humor: Feuchtigkeit, Körperflüssigkeit. Früher glaubte man, diese Flüssigkeit fließe durch den Körper und bestimme die Stimmung. Man hatte Humor nicht, man war ihm ausgeliefert. Heute ist das umgekehrt: Humor ist etwas, das man hat, trainiert, einsetzt – fast wie ein Werkzeug und nicht wie eine Gemütslage oder das Wetter, das über einen hereinbricht. Früher hatte der Humor den Menschen im Griff. Heute hat der Mensch den Humor im Griff. Oder meint zumindest, er hätte. Vielleicht hört er aber auch nur, was er hören mag?

Bei dem Wort „Witz“ kommt der Verstand ins Spiel. Aber auch bei einem guten Witz reagiert der Körper und lacht. Bei einem richtigen Lachanfall können einem sogar die Tränen kommen. Man kann vor Lachen heulen, sich ausschütten vor Lachen, grunzen, wiehern, schnauben, vor Lachen brüllen, prusten oder – so will ich sterben – sich totlachen. Auf meinem Grabstein könnte stehen: „Ich läge jetzt auch lieber lebendig am Meer.“

Der Witz ist dann gut, wenn er dem Geist einen Streich spielt, wenn es ihm gelingt, den Verstand umzudrehen. Eine Art gedanklicher Kopfstand. Gerade die Satire, die an der Macht kratzt, ruft bei Menschen die unterschiedlichsten Gefühlsregungen hervor. Zustimmung oder Ablehnung – häufig je nachdem, was man selbst in überspitzter Form sehen oder hören möchte. Im Prinzip ist es wie beim Hofnarren: Ein bisschen Wahrheit durfte sein. Aber bitte nicht zu viel! Und bloß nicht den König vom Thron stoßen. Das Zerrbild darf nur die Richtigen verzerren, nicht die Falschen.

Ob Satire an der Macht kratzt, das Lachen im Halse stecken bleibt, das Gehirn seiner Gewissheiten beraubt wird, von anderen Machtverhältnissen oder gar einer herrschaftsfreien Welt zu träumen wagt – oder ob die Satire der Macht nur ein weiteres Samtkissen unter die vier Buchstaben ihrer Selbstgewissheit schiebt, zeigt sich an den Reaktionen. Herrscher schmücken ihre Reden gerne mit den machtkritischen Satirikern der Vergangenheit. Der Satiriker von früher ist das Schmuckstück der Herrscher von heute. Und er kann nicht mal mehr seinen Kopf aus dem Grab recken und widersprechen.

Wer kennt den?
Was ist der Unterschied zwischen einem Comedian und einem Kabarettisten?
Der Comedian macht es wegen dem Geld.
Der Kabarettist wegen des Geldes!

Und ein echter Clown?
Der macht den Kopfstand der Klugheit: den Blödsinn.
Und der ist wunderschön.

 
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