Imagination (13. August 2026)
Kürzlich kam die schriftliche Bestätigung: Die Wiederaufnahmeförderung für „Glucks, die Überfliegerin“, ein Flugzeugabenteuer für Kinder und Familien, ist bewilligt. Das Warten hat sich gelohnt. Das Geld kommt gerade recht. Zu existieren ist teuer geworden. Jetzt muss es schnell gehen. Im Herbst ist Premiere. Ich freue mich aufs Schreiben der Neufassung und aufs Spiel. Mitspielen wird wieder Flubert, das sprechende Flugzeug. Seit Jahren steht er mit eingeklappten Flügeln in meinem Lager und wartet darauf, endlich wieder aus dem Hangar gelassen zu werden. Er freut sich darauf, mit mir imaginär durch die Luft zu fliegen.
Das letzte Mal war er im Winter 2021 mit mir im Park. Wir standen zusammen im Schnee. Passanten lächelten. Wir wurden fotografiert. Ich postete das Bild und schrieb darunter: „Ich habe jetzt ein Flugzeug und gehöre damit zur Branche, die gerettet wird.“ Einige Monate später flog Flubert mit mir in der ersten Folge unserer „Was wäre, wenn …?“-Kurzfilmreihe hoch hinaus – mit fliegenden Spaghetti und einer Bruchlandung. Wir kamen wieder auf dem Boden der Tatsachen an. Damals gab es Orte, an denen Menschen dicht nebeneinandersitzen durften, und andere Orte, an denen genau das plötzlich als gefährlich galt. Mein Arbeitsplatz lag am Boden, nicht in der Luft. Ich wusste lange Zeit nicht, wann ich wieder für Publikum spielen konnte.
Ich hing in der Luft.
Neulich nun saß ich mit Flubert allein im Lager und hielt einen inneren Monolog über jene Zeit. Ich erinnerte mich. Flubert hörte schweigend zu und schaute mich mit seinen großen Flugzeugaugen manchmal verständnislos an.
Plötzlich stand noch jemand da: der berühmte Elefant im Raum. Er versuchte, mir zu soufflieren: „Denk nicht mehr daran. Hör nichts. Sieh nichts. Sag nichts. Fühl nichts. Erinnere dich nicht.“ Flubert stand dicht bei mir und verstand die Welt nicht mehr. Kleinlaut fragte er: „Warum? Und warum redet der so laut?“ Der Elefant posaunte los: „Ist doch klar! Mein Image zuerst! Meine Freiheit! Deine Freiheit! Alles meins! Mein Rüssel hat mehr Reichweite!“
Aber ich wusste und weiß: Die Gedanken sind frei.
Ich dachte an den Ausflug mit Flubert im Schnee. Damals ahnte ich nicht, was danach noch passieren würde. Seit zwanzig Monaten dröhnten Durchsagen in Dauerschleife: wer wann wie wo was nicht darf. Wirrwarr. Zahlensalat. Zu wenig warum. Meine Ohren taten ohnehin schon weh. Und dann das: Theater öffneten zwar im Herbst wieder, aber nicht für jeden – 2G. Eine persönliche Entscheidung wurde zur Eintrittsbedingung.
Beim Erinnern falle ich aus allen Wolken und will selbst nicht mehr dorthin. Es geht mir wieder wie damals. Theater ist doch für alle da! Weil es mir verboten ist, für alle zu spielen, spiele ich nicht live. Ich sitze in der Wartehalle und sehe zu, wie sich alles verändert. Türen sind zu. Ich spüre Kälte um mich herum, klirrende Kälte. Etwas zerspringt zwischen den Menschen, die drinnen sind, und denen, die draußen stehen.
Das trifft mich ins Mark. Ich bin mündig. Ich bin gesund. Ich bin draußen.
„Warum bist du nicht einfach weggeflogen?“, fragt Flubert.
„Weil ich nicht wusste, wohin“, antworte ich.
Ich schweige einen Moment. Der Elefant spitzt überrascht seine großen Lauscher. Offenbar ist er es nicht gewohnt, dass man seine Anweisungen missachtet.
Ich frage laut: „Warum habe ich damals nicht das Absperrband um die Schaukel vor meinem Haus durchgeschnitten?“ Jedes Mal, wenn ich an der einsamen, abgesperrten Schaukel vorbeiging, spürte ich ein Unwohlsein. Kein Kind schaukelte mehr.
Wenn ich heute daran zurückdenke, nehme ich eine Schere und schneide das rot-weiße Band durch. Ich werfe es in die Mülltonne, gehe barfuß durch den Sand.
Ich schaukle.
Sofort bewegt sich die Gardine hinter einem Fenster. Die Frau schaut zu mir. Es ist dieselbe Frau, die in jener Zeit mehrmals ihre Wohnungstür abschloss, damit bloß nichts durch die Ritzen drang. Sie trug im Treppenhaus zwei Masken und riss selbst im tiefsten Winter die Fenster weit auf. Ich spürte ihre Angst. Sie war mir unangenehm, aber ich konnte sie ihr nicht nehmen. Jetzt schaut sie empört zu mir herüber, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Als wäre völlig klar: Absperrung bleibt Absperrung. Verboten das Spiel. Ich schaue sie an. Sie blickt zurück. Wir sagen beide nichts.
Ich bleibe bei mir und schaukle.
Höher und höher.
Der Elefant wird kleiner und kleiner.
Die Frau öffnet das Fenster etwas weiter und lehnt ihren Oberkörper über den Sims. Erinnert sie sich – an den Wind im Gesicht, an das Ziehen im Bauch, wenn die Schaukel immer höher steigt? An die Mischung aus Freude und Furcht kurz vor der Ahnung, gleich einen Überschlag zu machen?
Und ich?
Ich bin mit Flubert.
Vielleicht fliegen wir.



