Der Fall (14. August 2026)
Eines Abends vor etwa drei Jahren waren meine Kollegin Judith und ich bei der Weißen Nacht in Garmisch-Partenkirchen gebucht – als Engel auf Stelzen. Die ganze Stadt war auf den Beinen und in Weiß gekleidet. Nach dem ersten Auftritt dachte ich, dass wir vermutlich die Einzigen waren, die nicht angeheitert oder betrunken waren. Die Stimmung war gut, und wir wurden so oft fotografiert, dass mir vom vielen Lächeln schon die rosa Engelbäckchen wehtaten. Vielleicht habe ich deshalb auf dem einen oder anderen Bild nicht mehr ganz so engelhaft ausgesehen.
Beim letzten Auftritt sagte eine Frau: „Oh, ihr seid so schön!“ und riss uns synchron zu Boden. Meinen Absturz registrierte mein Gehirn wie in Zeitlupe. Ich taumelte, der Boden kam näher und näher, und ich landete auf dem harten Asphalt. PFLATSCH! Eine riesige Traube von Menschen hatte sich schon um uns versammelt. Ihre lächelnden Gesichter wurden ernst. Dann starrten sie uns an. Dieses Angeglotztwerden hatte etwas Alptraumhaftes. Als ich da lag und kein bisschen engelhaft mehr aussah – die Lichterketten waren abgefallen und die Hochstelzen sichtbar geworden –, wollte ich einfach nur aus der Menschenmenge raus und weit weg.
Ein Mann von einer Bar kam und sagte: „O nein. Das sah so schön aus, und jetzt ist alles kaputt!“ „Ja!“, dachte ich. Das ist zu kaputt, der Moment, da kann man nicht weitermachen, als wäre nichts passiert. Der Mann brachte uns zwei Bier. Ich rief: „Wir brauchen kein Bier, eher einen Sanka!“ Wir packten unsere Sachen und schafften es endlich aus der Menge. Eigentlich hatten wir zwei Security-Leute an unserer Seite, aber ihnen waren plötzlich andere Aufgaben aufgetragen worden. Nach langem Warten und ein paar Menschen, die uns, den gefallenen Engeln, Geld zustecken wollten, kam endlich der Notarzt. Er wollte uns zum Durchchecken ins Krankenhaus bringen. Als wir im Krankenwagen saßen, musste ich lachen und weinen gleichzeitig. Gefallene Engel im Rettungswagen – irgendwie war das auch komisch. Wäre als Video sicher viral gegangen. Das Krankenhaus war total leer – vermutlich weil die ganze Stadt feierte –, und wir kamen sofort dran. Außer einem blauen Auge schien bei mir alles in Ordnung.
Das war allerdings nicht mein erster Sturz auf Stelzen. Und auch nicht das erste Mal, dass ich so intensiv fotografiert wurde. Vor über zwanzig Jahren war ich noch häufig mit einem Münchner Stelzenensemble unterwegs und machte etwas, was ich vorher noch nie getan hatte: Hochstelzenlaufen und Springen auf Sprungstelzen bei größter Hitze in einem Freizeitpark in Taiwan. Zehn Wochen lang. Was man nicht alles macht im Leben. Die hohe Luftfeuchtigkeit war das Anstrengendste an dem Job. Wir wurden ständig fotografiert – die Menschen dort waren mit ihren technischen Geräten der Zeit weit voraus. Diese permanente Fotografiererei kannte ich aus unseren Breitengraden zu dieser Zeit noch nicht. Im Park gab es etliche Robotervorführungen. Da ich allerdings die ganze Zeit arbeitete und nur in unserem „Kühlschrank“ – so nannten wir die klimatisierte Umkleide – Pause machte, habe ich die Roboter nur auf den Ankündigungsbildern gesehen. Auch den Müll, den die Besucher hinterließen, räumten keine Roboter weg, sondern kleine, vermummte Menschen.
Eines Tages hüpfte ich auf Sprungstelzen in einem grünen Kostüm durch den Park und stieß plötzlich mit dem riesigen, voll mit Müllsäcken beladenen Handwagen eines kleinen Parkangestellten zusammen. Ich landete buchstäblich im Müll. Gut, dass ich nicht gefilmt wurde. Dieses Video wäre vermutlich viral gegangen, und ich wäre bis ans Ende meiner Tage als erste und einzige Sprungstelzenläuferin, die im Müll landet, berühmt geworden. Das Spektakel ereignete sich allerdings an einer ruhigen Stelle ohne Menschenmassen im Park. So bekamen es nur der Angestellte mit dem Müllwagen und unser Ensemble mit. Vielleicht hat sich aber auch jemand hinter einer Überwachungskamera halb tot gelacht. Wer weiß? Immerhin hatten mir die Mülltüten eine weiche Landung beschert. Da saß ich nun als grüner Jumper verkleidet in einem Müllberg in Taiwan. Den Moment sollte ich gleich mal in meinem Lebenslauf notieren. Weil ich im Müll saß und alleine nicht wieder hochkam, spielte ich, dass es überall stank – was es ja auch tat –, und musste selbst über mich und die Situation lachen. Meine Kollegen auch. Einer half mir charmant hoch, und ich hüpfte weiter. Kostüm und ich waren erstaunlicherweise unversehrt. Nur Chaos hatte ich hinterlassen. Der Angestellte sammelte die Tüten in Blitzgeschwindigkeit wieder ein, und kurze Zeit später sah alles aus, als wäre nie etwas passiert.
Dieser Absturz im Müll blieb tatsächlich mein einziger in zehn Wochen ununterbrochenem Stolzieren und Springen. Wie das wohl an einer anderen Stelle im Park gewesen wäre? Ein grüner Jumper auf Sprungstelzen, der auf einer Bananenschale ausrutscht? Slapstick, den die Welt noch nie gesehen hat! Ein anderes Mal, ebenfalls in Taiwan, bewahrte mich Judith vor einem weiteren Sturz. Ich stand auf Punktstelzen in einem Meter Höhe, da beugte sich eine Parkbesucherin hinunter und zog an meiner Stelze, als wollte sie mir statt der Hand den Fuß schütteln. Oder wollte sie wissen, ob ich Hufe habe? Judith sah, dass ich taumelte, und fing mich auf – obwohl sie selbst auf Stelzen stand. Das war knapp! Die Frau schaute ganz erschrocken, weil sie offenbar nicht begriffen hatte, dass man das Gleichgewicht verlieren kann, wenn einem jemand ein Bein wegzieht. Damals hatte ich Glück – oder Judith als Schutzengel an meiner Seite. Als wir nach zehn Wochen Hochleistungsarbeit auf Stelzen fertig waren, hatten wir deutlich muskulösere Beine. Judith erinnerte mich neulich daran, dass wir hinterher auf unsere Beinmuckis schrieben: „Made in Taiwan!“ Sie kann übrigens solche Geschichten so lebendig erzählen, dass ich manchmal denke: Eigentlich müsste sie einen Podcast machen und weltberühmt sein. Ich schreibe unsere Erlebnisse manchmal auf.
Taiwan hatte mir Beinmuskeln beschert, Garmisch ein blaues Auge – und zum Trost einen mit Süßigkeiten gefüllten Präsentkorb samt Genesungswünschen vom Veranstalter. Made in Garmisch! Nach dem Unfall in Garmisch als gefallener Engel beschloss ich, keine Stelzenauftritte mehr zu machen. Stelzenlaufen war eine schöne Zeit. Manchmal habe ich bei Events dieser Art das Gefühl, das Prinzip schon zu kennen. Die Entscheidung fühlt sich seitdem richtig an. Ich spiele weiterhin vor allem in meinen Kinder- und Familientheaterstücken und finde das eine sehr spannende Arbeit – auch wenn ich dabei nicht ganz so groß und sichtbar bin. Wie Kunst für Kinder ganz allgemein. Dafür wird man auch nicht ständig fotografiert. Man fotografiert sich eher selbst, damit die Leute wissen, dass es einen gibt!
Neulich hatte ich einen sehr lustigen Traum: Meine Arme flatterten, und ich flog in die Luft. Ich schwebte auf einer freien Fläche ungefähr auf der Höhe von Stelzenläufern, die mit mir dort waren. Nach einer Weile segelte ich wieder nach unten und musste erneut mit den Armen wie mit Flügelchen ganz schnell flattern, um noch einmal hochzukommen. Im Traum dachte ich: Warum habe ich das nicht schon früher ausprobiert? So leicht geht Fliegen!
Als ich aufwachte, fragte ich mich, ob ich jemals zuvor vom Fliegen geträumt hatte. Ich glaube nicht. Und Fliegen ist definitiv schöner als Hinfliegen.



