Fliegen, Bleiben, Radeln (24. Mai 2026)
Der Mann im Hotel erzählt mir, dass es hier heute zwanzig Storchenpaare gibt. Als er ein Kind war, gab es nur ein einziges Paar – die flogen jährlich nach Afrika und kamen immer wieder zurück. Den Störchen gefällt es heutzutage so gut in Herrieden, dass sie gar nicht mehr wegfliegen. Sie sind seßhaft geworden.Kurz zuvor treffe ich in dem verschlafenen Örtchen einen Cafébesitzer. Ihn zog es vor einem halben Jahr aus Berlin hierher. Er hat mit seiner Familie alle Zelte abgebrochen und noch mal neu angefangen. Jetzt geht er abends angeln. „In Berlin muss man eine Weile fahren, um angeln zu gehen“, erzählt er mir mit einem Lächeln. Nach einer kurzen Pause in seinem gemütlichen Café mache ich mich weiter auf den Weg – zum Aufbau für den morgigen Auftritt.
Die Arbeit führt mich ins schöne Dinkelsbühl. Dort treffe ich am nächsten Morgen meine Kollegin Judith, und wir spielen beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen unser Kindertheaterstück „Der Bücherschatz“ mit Glucks und Oma. Vormittags laden wir Familien zur Vorstellung ein.
Die Kulisse der Altstadt ist wunderschön: Fachwerkhäuser mit bunten Fassaden, Türme und Tore samt fast vollständig erhaltener Stadtmauer. Nur einigen Bewohnern ist der Trubel an Pfingsten zu groß, verrät mir der Barbesitzer: „Die fahren weg und überlassen ihr Heimatstädtchen dem Spektakel.“ Netterweise dürfen wir bei ihm auch parken, denn trotz zeitiger Ankunft quellen die Parkplätze über.
Lange haben wir davon geträumt. Jetzt haben wir ein Tandem! Postkartenidylle, um unser neues Gefährt probezufahren. Vor dem Festumzug radeln wir durchs Städtchen. Wir bespielen die Festmeile, bevor sie eine Festmeile ist. Publikum ist auch schon da. Unser Rad fährt gut auf Kopfsteinpflaster. Und Oma erzählt, dass sie auf der Herfahrt aus München sogar einen Tesla überholt hat! Da lachen die Leute. Als es bergauf geht, schiebt uns ein Mann, und das fühlt sich an wie ein E-Antrieb. „Unser Rad hat einen B-Antrieb!“, sagt Oma. „B für Beine!“
Viele Menschen sind in Trachten unterwegs. Ein Mann fragt uns schmunzelnd: „Und aus welchem Ort ist eure Tracht?“ – „Die ist universell!“, antworte ich.
Und am Abend denke ich: Meine Heimat ist da, wo nette Menschen sind. Oder Störche.



