U-Bahn-Büro-Assistenz (21. Mai 2026)
Ich bin in München auf dem Weg zu einer Requisitenprobe bei meiner Kollegin. Wir müssen am Sonntag in sehr kurzer Zeit etwas Neues für einen Auftritt zusammenbauen – und weil wir keine Handwerkerinnen sind, üben wir das lieber vorher noch mal.In der U-Bahn schreit plötzlich eine Frau im Rollstuhl, dass alle die Klappe halten sollen, weil es ihr zu laut ist. Kurz später fordert sie uns auf, ihr beim Ausstieg zu helfen. Alle starren betreten auf den Boden – ähnlich wie bei einem Eltern- oder Vereinsabend, wenn Aufgaben verteilt werden sollen. Das passt ihr gar nicht: „Ich brauche Hilfe! Kann mir bitte jemand helfen!“
Weil es genau meine Haltestelle ist, sage ich, dass ich ihr in ein paar Stationen helfen kann. „Danke. Kommen Sie jetzt bitte sofort zu mir!“ Ich bin dabei, eine Mail zu schreiben, und erwidere: „Gleeeeich!“ Sie sagt: „Nein, sofort. Ich muss noch was fragen.“
Ich stehe auf. Sie bittet mich, den Turnbeutel hinten am Rollstuhl abzuhängen, und erklärt mir: „Alles andere kann ich alleine: Lift fahren! Verantwortung übernehmen!“ Ich willige ein, ihr den Turnbeutel abzunehmen, und will gleich damit beginnen. „Nein!“, schreit sie: „Das machen wir draußen!“ Sie senkt ihre Stimme: „Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir zu helfen!“ und gleich wieder resolut: „Den Rollstuhl sollst du aber nur halten, nicht kippen, sonst falle ich auf die Fresse!“
Der Ausstieg aus der U-Bahn verläuft problemlos, und ich nehme ihr den Turnbeutel wie vereinbart ab. Ich soll ihn auf die Bank legen: „Und den Rucksack bitte auch noch!“ Ich hebe einen schweren Rucksack von den Handgriffen des Rollstuhls und soll ihn neben den Turnbeutel stellen. Jeden „falschen“ Handgriff kommentiert sie: „O Mann, das musst du doch zu mir drehen, nicht zu dir!“ Und dann: „Mach den jetzt auf!“
Als ich den Turnbeutel umständlich öffne, weil er in ihre Richtung zeigt und nicht in meine, soll ich noch den Kalender rausholen und was reinschreiben: „Das ist sehr wichtig. Es geht jetzt um Geld!“, sagt sie, und weil ihre Arme verkürzt sind, sehe ich ein, dass sie all das nicht selber schaffen kann. Da sitze ich nun und soll Datum und Geldbeträge in einen Kalender schreiben. Damit sie mitlesen kann, drehe ich den Kalender zu ihr. „Anders herum halten!“, rügt sie mich: „Ich habe Legasthenie!“
Als wir einen bestimmten Stift in ungefähr sieben verschiedenen Federmäppchen in ihrem Turnbeutel und dem schweren vollgepackten Rucksack suchen und ich nun scheinbar die Büroangestellte geworden bin, bemerkt sie plötzlich, dass irgendein anderes Heft am falschen Platz ist, und flippt völlig aus: „Meine Mutter ist eine doofe Schlampe! Die packt immer alles falsch!“
Und da reißt mir fast die Hutschnur, und ich erwidere: „Jetzt reicht’s aber mal! Können Sie wenigstens etwas freundlicher sein, wenn ich hier schon helfe?!“
Sie sagt: „Geht nicht, ich habe Tourette!“
Ich denke mir: Noch fünf Minuten länger, dann belle ich vermutlich selbst Menschen auf dem Bahnsteig an.
Kurz betrachte ich die Szene wie in einem Film. Zwei Sitze komplett übersät mit Taschen, Heften, Rucksäcken und Federmäppchen. Stifte in verschiedenen Farben auf meinem Schoß. Passanten schauen mich voller Mitleid an. Sie denken wahrscheinlich, ich sei die Betreuerin. Ich würde keine Stunde mit ihr aushalten – und es sind erst fünfzehn Minuten vergangen.
Das Ganze geht allerdings noch eine Weile. Ich soll in einen Kalender mit bestimmten Farben das Gleiche hineinschreiben, was dort mit anderem Datum bereits steht, nämlich: Schwester Monika. SMS. Telefonnummer.
„Wenigstens kannst Du deutlich schreiben“ ist das einzige Kompliment, das ich für meine Tätigkeit erhalte. Ich stelle mir vor, dass sie jeden Tag irgendeine Person aufgabelt, sie bittet, ihre diversen Federmäppchen, Kalender und Hefte ein- und auszupacken, um täglich dieselben Sätze mit denselben Farben in Kalender und Notizheft einzutragen. Heute bin ich dran. „Mit Gelb einkreisen!“, herrscht sie mich an. Klar, mit welcher Farbe sonst?, denke ich mir.
Zwischendurch sage ich mal, dass ich jetzt aber auch weiter muss, aber da antwortet sie bloß: „Jetzt mach mal nicht so einen Stress, Mann!“ Da muss ich innerlich über die Absurdität der Situation lachen.
Irgendwie bringe ich das Ganze über die Bühne, packe Stifte, Zettel, diverse Federmäppchen in einer sehr skurrilen Reihenfolge wieder in Turnbeutel und Rucksack, werde natürlich mehrfach angepflaumt: „Das musst schon tiefer in die Tasche schieben. Hier gibt es Diebe wie Sand am Meer!“ und „Pass gefälligst auf meine Brosche auf!“ Manche Federmäppchen haben Broschen, andere nicht. Ich stehe das Ganze irgendwie durch, ohne ungehalten zu werden. Am Ende kontrolliert sie noch, ob ihre Sachen bei der ganzen Aktion sauber geblieben sind. Zum Glück sind sie das und ich muss nicht noch Putzutensilien besorgen.
Als wir fertig sind, gehe ich jedoch schnell in eine andere Richtung als sie, obwohl ich eigentlich in die gleiche muss. Nach zwanzig Minuten U-Bahn-Büroassistenz wirkt selbst komplizierter Requisitenaufbau plötzlich erstaunlich übersichtlich.



