Der ungünstigste Ort im Universum (15. Mai 2026)

Nach der Vorstellung schauten mich viele Menschen verärgert an. Das lag daran, dass ich mit meinem Auto auf der Rückfahrt einen Fehler gemacht habe!

Ich bin allerdings niemandem aufs Dach gestiegen und habe von dort eine Kindertheatervorstellung „Glucks, die Drachenbezwingerin“ gespielt – wie kurz zuvor auf der Bühne beim Maifest im Hort in München. Ich habe nicht mein Verkehrs-Stoppschild herausgeholt, weil davor jeder anhalten muss, sogar ein Drache. Oder mit meinem Plastikschwert herumgefuchtelt. Ich habe auch nicht angegeben, wie toll ich Kung-Fu kann, und zum Beweis mit der Handkante statt einem Brett erst eine Salzstange und dann ein zentimeterdickes Baguette zerschlagen oder in mein Megaphon gebrüllt: „Achtung, böser Drache, du bist umstellt! Komm heraus und ergib dich, sonst wird es dir schlecht ergehen!“

Nein, viel schlimmer: Ich habe eine Kreuzung verstopft! Ich wollte noch geradeaus, wie das Auto vor mir – die LKWs verdeckten aber den Stau, den ich deshalb nicht sah, und so konnte ich nicht wie geplant in die Straße hinein fahren. Ich saß am ungünstigsten Ort des Universums fest.

Mitten im Berufsverkehr vor einem Feiertag war ich ein einziges Ärgernis – ein Verkehrshindernis. Ich hätte mich am liebsten in Luft ausgelöst oder wenigstens in eine Verkehrsinsel verwandelt. Am liebsten in eine mit Palme, Liegestuhl und Strand.

Aber ich war in meinem Auto gefangen und konnte weder vor noch zurück. Überall Autos, die an mir vorbei wollten. Gleichzeitig checkte ich nicht, was ich tun konnte, um die Lage zu verbessern. Ich steckte in einer Sackgasse, ohne in einer Sackgasse zu sein. „Dein Auto ist zu groß“, habe ich mal auf einer Postkarte gesehen. Meines war zwar nicht allzu groß, aber definitiv am falschen Ort zur falschen Zeit.

Ein Mann, dessen Muskeln genauso aufgeblasen waren wie sein weißer SUV, wies mich erhobenen Hauptes an, nach hinten zu fahren, was ich dann ein kleines Stück tat, so dass zumindest er seinen Weg fortsetzen konnte. Im nächsten Moment kamen aber schon wieder andere Autos, und alle waren genervt. Einer Frau schenkte ich ein Entschuldigungslächeln, das sie aber in eine gehässige Geste umdeutete und mir eine gemeine Grinsegrimasse zurückschickte. Wenn der Satz: „Wenn Blicke töten könnten …“ noch nicht existierte, hätte sie ihn erfunden. Wahrscheinlich war sie Hausdrache von Beruf oder Metzgerin.

Ich fühlte mich jedenfalls wie eine kleine Maus, die sich in eine echt blöde Lage manövriert hatte. Um mich herum nur gefährliche Raubtiere: Autos fletschten die Zähne und starrten mich an! Wahrscheinlich der neuste Autodesigntrend, der das Recht des Stärkeren betont? Vielleicht hätte ein Schild „Bin doof!“ auf meinem Kofferraum die Stimmung aufgelockert? Vermutlich nicht.

Das einzige, was hier helfen konnte, war sich aus dem Staub zu machen. Und so fuhr ich, anders als geplant, nicht geradeaus, sondern bog ab. Wie mir das gelang – das weiß ich auch nicht, aber irgendwie kam ich lebend raus.

Ich entdeckte einen Parkplatz, atmete da durch und zweifelte an meiner Fähigkeit, es heute Abend nach Hause zu schaffen. Aber nach ein paar Minuten nahm ich meinen Mut zusammen und fuhr weiter. Ich war auf der restlichen Fahrt kein Hindernis und Ärgernis für die Menschheit mehr – oder falls doch, dann habe ich es zumindest nicht bemerkt.

Daheim im Briefkasten erwartete mich was Schönes! Das Probeexemplar meines ersten Buchs für Erwachsene! Ich gab es zu später Stunde noch zur Veröffentlichung frei und freute mich. Denn wenn das Leben eines bereit hält, dann sind es Geschichten. Und anders als auf den Straßen im Berufsverkehr gibt es da genug Platz zum Schmunzeln. Gelegentlich auch über die eigene (menschliche) Blödheit.
 
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