Nerven (5. Mai.2026)

Manchmal, wenn ich draußen unterwegs bin, habe ich das Gefühl, viele Menschen sind am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Nach der Vorstellung sitze ich im Zug mit Steckenpferd und Requisiten für die Probe, und eine Frau spricht mich an: „Wieso fährt der Zug nicht?“
Ich schaue auf, sehe die Uhr und sage: „Ja, der soll jetzt dann losfahren!“
Sie: „Der ist zwei Minuten über der Zeit!“
Ich: „Ach so, ja, das ist normal!“
Sie: „Keine Durchsage, nichts!“ (panischer Blick)
Ich (beruhigender Tonfall): „Ja, bei der Bahn braucht man Geduld!“
Sie (aufgebracht): „Ich habe Familie! Ich muss nach Hause. Die Verbindung München-Pasing: Sieben Minuten! Sieben Minuten!“
Durchsage: „DINGDANGDONG – Leider befinden sich Personen auf der Fahrbahn und die Abfahrt verzögert sich, bis wir das Ausfahrtsignal erhalten!“
Ich denke: Wahrscheinlich entgleiste Mütter, die zu ihrer Familie müssen!
Die Frau schaut mich verzweifelt an: „Ich wollte meinen Kindern doch noch gute Nacht sagen. Ich habe Familie. Heute morgen komme ich ne halbe Stunde zu spät in die Arbeit. S-Bahn fährt nicht. Keine Durchsage, nichts! Das geht so nicht. Der Aufsichtsratsvorsitzende, alle anderen schon da, nur ich nicht. Sieben Minuten die Verbindung München-Pasing. Sieben Minuten! So geht das doch nicht“
„Ja, ich weiß“, sage ich. „Ich fahre schon seit vielen Jahren!“
Sie hört mir gar nicht zu. „Sieben Minuten, jetzt sind wir bald bei siebzehn Minuten. Ich muss hier raus. Ich fahre Tram!“ (Sie steht hektisch auf.)
Ich wünsche ihr viel Glück. Sie sagt zum Abschied: „Tut mir leid, dass ich so aufgewühlt bin.“ „Ist okay“, sage ich. (Sie hetzt nach draußen.)
Mann stürmt rein: „Was ist los, wieso fährt der Zug nicht?“
Ich: „Personen auf der Fahrbahn.“
Er mit panischem Blick: „Nein! Das kann dauern. Jetzt komme ich zu spät in die Arbeit. Das geht so nicht!“
Ich: „Ja, blöd!“
Denke mir: Ob ich ihm mein Steckenpferd leihen soll? Und danach: Aber er ist ja eigentlich auch zu spät in den Zug eingestiegen.
Zug setzt sich plötzlich in Bewegung.
In Augsburg angekommen, wieder eine Durchsage: „Liebe Fahrgäste, ich weiß nicht, wie der Zugfahrer das gemacht hat, aber wir sind trotz der großen Verspätung fast pünktlich angekommen.“
Ich nehme meinen großen Koffer in die eine Hand, mein Steckenpferd in die andere und denke mir: „Der Zug hat einen Fahrplan. Mein Steckenpferd nicht.“

Foto von frabauke fotografie
 
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