Hamsterrad (19. April 2026)
Bei der Besichtigung meines Spielortes, in einem kirchlichen Kindergarten neulich, war es so ruhig, dass ich die Kindergartenleitung fragte, ob hier überhaupt auch Kinder seien, und sie mit leiser Stimme antwortetet: „Ja, wir stehen hier alle unter einem Schweigegelübde!“; dann lachte sie und sagte: „Ne, die essen gerade, deshalb ist es etwas ruhiger.“ Und dann lachten wir beide.
Beim heutigen Auftrittstag war es sehr lebhaft und kein bisschen schweigsam. Sogar die ruhigen Kinder waren voll dabei, sagte mir nachher eine freundliche Frau. An manchen Stellen kringelten sich die Kinder regelrecht vor Lachen, und es entstanden lustige Situationen, weil ich statt „Augenklappe“ zum Spaß „Kaulquappe“ verstand und das Mädchen, das mich berichtigen wollte, auch alles durcheinander brachte, sich verhaspelte und sagte, das heiße „Klaul-, äh Kaulklappe“, und wir eine Nonsenskette erfunden haben, wo wir am Ende bei „Augenplatte“ landeten. Nach der Vorstellung erzählte mir ein Junge, dass er schon mal einen Clown gesehen habe, und zwar im Zirkus: „Da war ein Clown auf einem Hamsterrad, der mit verbundenen Augen oben stand und jonglierte“, berichtete er mir begeistert. Ein Mädchen sagte: „Und ich habe seit drei Monaten einen Hamster!“, dann verabschiedeten wir uns liebevoll.
Als ich meine Sachen packte, dachte ich mir: Bin ich froh, dass ich kein Hamster bin, keinen Hamster habe und auch kein Clown in einem Hamsterrad bin oder mit einem Hamsterrad, sondern ein Clown mit einem Koffer. Und es ging mir auch wieder besser als vor ein paar Tagen, denn da hatte ich nur ein großes Fragezeichen im Kopf und schrieb folgende Zeilen: Es wird ja schon davon ausgegangen, dass halt gespart werden muss und dass die Zeiten jetzt eben leider nicht lustig sind, wie als wäre das schon ein Naturgesetz, an dem man nichts ändern kann. Gleichzeitig werden unfassbare Summen in Rüstung und somit in Gewalt gegen Menschen investiert. Klar, die freie Kunst kann da jetzt schön auf all das antworten, was da so auf einen einprasselt an Irrsinn, aber gratis! Dann freut man sich halt mal eben oder fühlt mit, wenn man was liest, empört sich kurz oder leidet, aber dann vergisst man es wieder und widmet sich was anderem. Nur ist Kunst halt nicht nur ein „Nehmen“, sondern auch ein „Geben“. Es ist nicht selbstverständlich, dass Kunst existiert, dass Künstler und Künstlerinnen ihre Gedanken frei äußern, was sich andere in ihren festen Jobs nicht trauen, Auftritte machen oder Menschen den Tag versüßen oder etwas ansprechen, was in der Luft liegt! Hinter der Kulisse dieser Zeilen bin ich natürlich sehr traurig darüber und auch melancholisch. Zum Glück finde ich da immer wieder den Ausgang.
Nach der Vorstellung stieg ich am Königsplatz aus, wo die Leute emsig ihre Hamsterkäufe erledigten. Da stand ein Mann, regungslos wie eine Statue, mit einem Schild in der Hand. Ich lese was drauf steht: „Danke, dass du ab hier nicht rauchst!“ Dann sehe ich, dass er gar nicht für oder gegen etwas demonstriert, sondern sich nur an dem Schild der Stadt festhält. Mit einer Kippe in der Hand! Ich muss schmunzeln. Vielleicht hat er gar nicht gelesen, was da steht, oder ist es ein Schildbürgerstreich? Schilder aufstellen und das Gegenteil tun, was drauf steht! Aber vielleicht will er einfach nicht von der Stadt Augsburg geduzt, sondern lieber gesiezt werden! Ich weiß auch nicht, seit wann die Ikea-Sprache in die Städte eingezogen ist. Wahrscheinlich ist wieder eine neue Marketingkampagne am Start. Am Ende muss man noch ins Bällebad. Erst Hamsterrad, dann Hamsterkauf, dann Bällebad. Ne, Leute das ist alles nichts für mich. Da raucht mir ja schon beim bloßen Gedanken der Kopf!
Drum mache ich lieber meine Kunst für die Kleinen oder meine kleine Kunst oder Clownkunst, und wenn die Leute sagen: Erstaunlich, was man mit so einfachen Mitteln alles für Kinder machen kann!, dann denke ich: Erstaunlich, dass alle immer sagen, sie haben kein Geld, und dann wird alles mögliche gekauft oder mit Schildern beschriftet, was man darf und was man nicht darf. Wahrscheinlich damit irgendwelche Wirtschaftszweige blühen. Nur wird die Laune der Leute dadurch halt blöderweise auch nicht besser, das muss man doch mal bemerken! Aber so ist das Leben in Schilda, wo alles durcheinander geht.
Aber wartet nur ab! Bald steht vor einer Pusteblume ein Schild: Das ist eine Pusteblume, bitte nicht pusten! Und eines schönen Tages pusten alle einfach trotzdem! Pfeifen auf Hämsterräder und Hamsterkäufe und prusten zusammen vor Lachen, was man ja auch nicht soll, weil die Zeiten ja nicht lustig sind – sagen die großen Leute. Drum könnte jeder, ob klein oder groß, der noch einen Funken Humor in sich trägt, einfach nur eines nicht tun: Schweigen, denn sonst wird es ja noch weniger lustig!



