Fenster (27. März 2026)

Ich möchte mit meiner Kunst ein kleines Fenster öffnen in eine andere Wirklichkeit. In dem lauten Trubel, der die Menschen den lieben, langen Tag umgibt, stellt sich für mich immer wieder die Frage, ob das überhaupt möglich ist? Viele Menschen haben viele Termine und wenig Zeitfenster für den Genuss der Gegenwart. Dem Humor wird in dieser Gesellschaft auch sehr wenig Platz eingeräumt, aber wenn der humorvolle Moment die Menschen überkommt, ändert sich jede (auch schwierige) Situation grundlegend. Ich habe heute an eine Situation gedacht, als wir im Werksviertel in München gebucht waren, als Walk-Act-Clownsduo „Glucks und Oma“ im Sommer 2021, nachdem es vorher monatelang nur Veranstaltungsabsagen gehagelt hatte.

Wir sind in dem Viertel herumspaziert und haben hier und da mit den Gästen geplaudert oder eine kurze Vorstellung für sie gemacht. Wir haben unser Lied gesungen und von unserer abenteuerlichen Reise per Anhalter berichtet. Eigentlich wollten wir als „Glucks und Oma“ nur für einen kleinen Ausflug ins Grüne zum Starnberger See, aber der Sportwagen, den wir auf der Leopoldstraße mit unseren Daumen angehalten hatten, brachte uns in Blitzgeschwindigkeit auf die Champs Élysées, von da aus noch weiter durch Frankreich und mündete sogar in eine kleine Liebesgeschichte zwischen Oma und einem Charmeur. Als wir zu Ende gespielt hatten, hat Oma die Zuschauer gefragt: Ob sie jetzt auch für uns singen möchten?

Eine Gruppe aus jung und alt stimmte zu, und wir wählten den Kanon „Bruder Jakob“ auf deutsch und französisch. Wir hatten an dem Tag spontan noch einen Zettel ausgedruckt zur damals gültigen Verordnung für Querflötenspieler im Sommer 2021. Oma fragte streng, ob hier etwa ein Querflötenspieler sei? Die Leute lachten und verneinten. Wir ließen uns aber nicht davon abhalten die Verordnung zu verlesen, die so skurril war, dass alle einfach nur lachen mussten. Danach sangen wir zusammen und wurden später von ein paar Damen auch noch zum Kaffee eingeladen, weil sich alle freuten, dass man wieder gemeinsam lachen konnte. Und es war in dem Moment auch völlig egal, ob und wer welche Verordnung gut und richtig fand und wer welche Einstellung hatte, weil wir unser Fenster in eine andere Wirklichkeit geöffnet haben und die Realität der Verordnung in dem Moment einfach nur völlig skurril erschien. Weil sie unvermittelt und absurd war, so wie ich auch die damalige Zeit in großen Teilen wahrgenommen habe.

Das Publikum hat kurz durch unser Fenster in die Welt geschaut, und die Verordnung war die absurde Welt, obwohl sie ja eigentlich die Wirklichkeit sein sollte. Danach habe ich mir gedacht: Das wäre jetzt bei Fernsehkomikern nicht möglich gewesen – so eine Szene zu spielen. Es hätte bestimmt vielen Menschen gefallen, aber dann hätte es von irgend jemandem Kritik gegeben, dass man über das „Falsche“ lacht, und schon wäre ein Riesenfass aufgemacht worden. Im Sommer 2020 war das noch ganz anders gewesen. Die gesellschaftliche Stimmung kippte im Herbst 2020 und dauert bis heute an. Humor wird in einer Form bewertet, wie es vorher nicht der Fall war. Das ist kein angenehmer Zustand, hält mich dennoch nicht ab, meine Vorstellung von Humor auf der Bühne oder meine Gedanken textlich einzubringen.

Wenn ich gelegentlich Leute treffe, die das Clownsein als eine Art Selbstfindungstrip betrachten, denke ich: Ich mache das nicht um mich selbst zu finden; ich mache es, weil ich es für eine sinnvolle Arbeit halte. Ich habe das schon in meiner Ausbildung so gesehen. Es war auch nie mein Hobby oder so, das ich zum Beruf gemacht habe. Dafür ist mir meine Arbeit viel zu anstrengend: Vor Menschen spielen, sich darauf innerlich vorbereiten, sich einlassen auf die Situation und auf andere Menschen mit dem Zweck der guten Unterhaltung. Das Ergebnis ist häufig Leichtigkeit, gelegentlich auch für mich.

Ich betrachte meine Arbeit dabei durchaus als einen schöpferischen Prozess, als etwas, bei dem ich mir viel mehr Gedanken zu allen möglichen Themen mache, als das Thema meiner Arbeit es unbedingt erfordert. Ha ha – das steht quasi in meiner Dienstverordnung für mich selbst. Ich schaue da auch nicht auf die Uhr, wie viel Zeit ich dafür brauche. Es hängt schließlich alles zusammen. Um die Menschen zu erfreuen, muss man viele Zusammenhänge verstehen und selbstverständlich auch den Schmerz, die Verzweiflung, den Irrtum und die Ironie des Lebens.

Neulich wollte ein Kunde von mir einen Masernschutznachweis und ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis. Für einen einzelnen Auftritt! Ich habe gesagt, dass ich das in zwanzig Jahren überhaupt noch nie gebraucht habe und auch nicht besorgen werde. Jetzt geht es ohne. Seit 2021 zieht sich vieles in Sachen Kontrolle enger zusammen, auch der Humor wird stärker „kontrolliert“. Ich komme beruflich in der Regel ganz gut mit unterschiedlichen Menschen klar, nur bei einer Sache spiele ich nicht mit: Wer anfängt, mir zu misstrauen, dem misstraue ich ebenfalls. Das gleiche andersrum: Wer mir vertraut, dem vertraue ich.

Ich könnte nie eine Arbeit machen, die anderen Menschen Schaden zufügt. Es gibt viele Tätigkeiten, die das tun. Für mich hat das auch nichts mit Luxus zu tun, sondern es ist eine Entscheidung, die ich als Mensch durchaus treffen kann. Man könnte sagen: eine philosophische Grundfrage, die sich vermutlich jeder im Laufe des Lebens irgendwann stellt, wobei manch einer die Frage anscheinend im Lauf der Zeit wieder vergessen oder verdrängt hat. Für mich bleibt es eine wichtige Grundfrage für die begrenzte Zeit, in der ich hier auf der Welt zu Besuch bin.

Ich bin mir sicher, dass jeder Mensch etwas Sinnvolles zur Welt beitragen will, von innen heraus, zumindest wenn man den Menschen ihn selbst sein ließe. Nur wird das vielen in der Schule und anderswo abtrainiert, und bereits Kinder werden auf ein Belohnungssystem konditioniert, das ihnen durch eine bestimmte Arbeit in der Zukunft mehr Geld oder Macht verspricht. Das ist leider schon viel zu lange so. Das Ergebnis sieht man ja.

So arbeiten und arbeiten sich viele Menschen an den Versprechungen und Verheißungen dessen ab, was sie eines Tages bekommen sollen, und wundern sich irgendwann, wohin all die Jahre ihres Lebens verschwunden sind. Sie zählen die Tage bis zu ihrer Rente, wo ihnen dann vielleicht langweilig ist, weil ein Tag lang sein kann, wenn er keinen vorgegeben Takt hat.

Und das kapitalistische System kennt kein Pardon. Wenn das Kapital sich durch deine Arbeit nicht vermehrt, bist du schneller weg vom Fenster, als du genüsslich hinausschauen kannst. Auch das ist die Realität, in der ich leider lebe. Aus dieser Angst vor Armut und gesellschaftlichem Abstieg verrichten viele Menschen eine Arbeit, die sie gar nicht machen wollen. Ich kenne diese Existenzängste auch. Das ist der größte Druck, den man auf Menschen ausüben kann, und erklärt, weshalb viele Menschen eine Arbeit tun, die nicht ihrer Überzeugung entspricht.

Ich habe mal eine Biologin getroffen, die im Scherz meinte, ihre Arbeit sei nicht sonderlich sinnvoll, sie verbringe den lieben langen Tag damit, Versuche mit Mäusen zu machen, die häufig dabei sterben. Ich habe gesagt, ich könnte das nicht. Schließlich möchte ich keinem Lebewesen Schmerzen zufügen.

Ich möchte mit meiner künstlerischen Arbeit auf der Bühne den Menschen Freude bereiten, und ich werde das noch eine Weile tun, solange man mich lässt (denn ich bin ja schließlich nicht allein auf diesem schönen Planeten): ein kleines Fenster öffnen in eine andere Wirklichkeit.

 
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