Expertin für Bauklötze (3. März 2026)
Die Aushänge für Wohnungsgesuche haben sich dem Zeitgeist angepasst. Ich sehe eine Familie mit KI-Bild, die in München eine Wohnung sucht, potenziellen Vermietern zuwinkt und verspricht, alles mitzubringen, was ein Vermieterherz erfreut: Geld und gute Laune. Vater (Bauingenieur), Mutter (Designerin) und Kind (Expertin für Bauklötze). Die Miete, die sie auszugeben bereit sind, ist irre hoch.Das Leben ist echt verdammt teuer geworden! Schnell wird man, zumindest in meiner Branche, vom Lebens- zum Überlebenskünstler. Eine ältere Frau kommentiert einen Mann, der viele Münzen in die Parkuhr wirft: „Überall zwacken sie einem Geld ab!“ Der Mann nickt zustimmend. Mir fällt ein, dass ich in München vor einiger Zeit mal einen Parkautomat mit Kommentarfunktion in Form von Zetteln gesehen habe. Da stand in Kinderschrift gemalt: „München ist sooo bunt!“ und darunter ein zweiter, handgeschriebener Kommentar: „München ist sooo teuer!“ Das fand ich lustig.
Um so ein teures Leben zu finanzieren, kann man wahrscheinlich gar nicht früh genug damit anfangen, sich Experte oder Expertin zu nennen. Wer heutzutage was werden will oder lediglich eine Wohnung haben möchte, muss vermutlich schon mit drei Jahren einen lückenlosen erfolgreichen Lebenslauf nachweisen, sonst wird das später nichts mit der steilen Karriereleiter. Am besten gleich nach der Geburt in eine dreisprachige Krippe: Deutsch. Englisch. Fachchinesisch.
Seltsam nur, dass alle hochqualifizierten Experten nie da sind, wenn man sie braucht! Wahrscheinlich leben sie überwiegend im Internet und nicht unter echten Menschen. Dort verbringen sie Tag und Nacht, äußern sich ständig zu neuen Kriegen, Krisen und Katastrophen. Sie kennen sich auf der Welt im Norden, im Süden, im Osten und im Westen so gut aus wie in der eigenen Westentasche. Vielleicht hat deshalb die Menschheit überhaupt keine Zeit mehr, sich um das Beenden beziehungsweise Beheben von Kriegen, Krisen und Katastrophen zu kümmern, was doch aber im Grunde genommen die klügste Antwort wäre, oder nicht?
Aber was weiß ein staatlich anerkannter Clown wie ich schon von der renommierten akademischen Fachwelt und der Komplexität dieses nur wenigen Menschen zustehenden, geheimen Expertenwissens, für das man jahrelang studieren und zitieren muss, um hinterher doch recht konform das zu sagen, was bereits gesagt wurde? Copy and paste? Widerspruchsgeister sind häufig erst dann erfolgreich, wenn sie schon gestorben sind. Und ob sie sich, wenn sie am Leben wären, über all das freuen würden, was unter ihrem Namen zum Besten gegeben wird, mag ich mal bezweifeln.
Aber so richtig unterscheidet sich das Verhalten von Experten auch nicht von Kindern beim Kindertheater. Wenn ein Kind behauptet, dass es keine Seekuh gibt, sagen alle, dass es keine Seekühe gibt. Sagt eine Autoritätsperson, zum Beispiel eine Kindergärtnerin: „Doch, die gibt es!“, ändern sie ihre Meinung, und es gibt eben plötzlich doch auch in ihrer Welt Seekühe.
Was ich am Kinderpublikum sehr mag, ist die Fähigkeit, zu erkennen, dass man sich irren kann und wie lustig der Irrtum ist. Ich selber irre mich ja im echten Leben ebenfalls ständig, drum spiele ich auf der Bühne auch damit.
Ich weiß ja, das alles jeden Moment ganz anders sein kann. Menschen können lachen und dann plötzlich zu weinen beginnen. Sie können soeben noch quicklebendig gewesen und dann plötzlich leider nicht mehr am Leben sein. Man kann sich grundlegend über Menschen täuschen, auch wenn man felsenfest der Überzeugung ist, genauestens über sie Bescheid zu wissen. Im Guten wie im Schlechten. Und es ist ja insgesamt die Frage, was gut und was schlecht überhaupt ist. So genau wissen kann das wohl niemand. Aber da gibt es eine Ausnahme unter den Menschen: Experten. Sie täuschen sich nie! Nicht in sich selbst und nicht in anderen. Niemals!
Könnten daher nicht all die klugen Koryphäen der Weltgeschichte zumindest die etwas kleineren Probleme lösen? Wenigstens jene im Alltag? Aber wieder ist an einem stinknormalen Montagmorgen niemand da, wenn man fachkundige Expertise brauchen könnte: Kein Mobilitätsexperte der MVG oder der Stadt München weit und breit, der mir erklärt, warum man nur so unglaublich kompliziert, nämlich treppauf und treppab, durch den Tunnel unter der Donnersbergerbrücke hindurchkommt? Und auch die Politik interessiert sich nicht für solche Banalitäten, sondern kreist nur um sich selbst. Deswegen müssen sie auch im Wahlkampf Plakate aufhängen, damit sie überhaupt noch jemand bemerkt. Ich habe übrigens noch nie auch nur einen einzigen der vielen schlauen Experten, die sich für die Mobilitätswende einsetzen, einen E-Roller aus dem Weg räumen sehen, sondern nur E-Roller ohne Experten, die wie ein langer Hindernisparcours überall im Weg herum stehen, wenn sie nicht mit Geisterfahrern beladen durch die Städte sausen.
Aber zum Glück treffe ich heute auf eine Alltagsexpertin, die mich darin bestärkt, mir diesen Irrsinn treppauf und treppab durch den Tunnel mit viel Gepäck nicht anzutun, sondern einfach bis vor zur Ampel zu laufen. Und so ziehe ich meine Sachen über die Schottersteine, die das Rollen der Rollen erschweren. Ich grüße die zwei Straßenkehrer, die gemächlich den Kies wegfegen, wie Bebbo, der Straßenkehrer in „Momo“: Ein Schritt, ein Atemzug, ein Besenstrich. Sie und ich bewegen sich so Schritt für Schritt fort. Vorbei an den grauen Herren und Damen an Aktentaschen oder in Autos. Nur an den nächsten Schritt denken, denke ich. Man kann sich ja nicht ständig mit dem Großen und Ganzen befassen.
Im Kindergarten angekommen, atme ich durch und genieße die Ruhe. Der Ort fühlt sich friedlich an. Ich verwandle den Bewegungsraum, ein gemütliches Zimmer im Dachgeschoß mit viel Holz, in meine Bühne, schminke mich neben einer ganz normalen Handwerkerleiter, die gar keine Karriereleiter sein will, und höre dabei zu, wie die Kinder eintreffen.
Als es losgeht, spiele und spiele ich, und die Kinder, mein Fachpublikum – Experten für Bauklötze und Meerestiere – fachsimpeln über die Unterwasserwelt und spielen mein Spiel mit. Später drehen wir noch eine Runde im Garten. Schneeglöckchen recken ihre Köpfe den Sonnenstrahlen entgegen, und wir machen es ihnen nach. Bei meiner Arbeit geht es um eines: Quatsch machen und lachen. So simpel. So schön! Wie das Leben, manchmal.



