Heiter und bisschen gescheiter (14. Februar 2026)

Auf tänzerische Weise werde ich von einer liebevollen Person leichtfüßig erst über eine Bühne und dann durchs Publikum getragen und lande auf einer Weichbodenmatte. Ich wache in meinem Bett im Rockhotel auf und muss lachen. Was für ein lustiger Traum! Und passend außerdem. Ich bin an einem Ort, der sich „Rock & chill“-Hotel nennt, wo ich die Nacht vorm Auftritt verbracht habe. War das jetzt „Stagediven“ im Schlaf oder Traumtänzerei? Jedenfalls ein schöner Traum, und mein Tag beginnt mit einem heiter-warmen Gefühl im Bauch, auch wenn ich nicht ganz ausgeschlafen bin.
Gestern haben wir noch bis in den späten Abend mit einer Lehrerin für die Schulvorstellung in der Turnhalle aufgebaut, und die Weichbodenmatte hat es offenbar bis in meine Traumwelt geschafft.

Sehr passend für unser Stück „Glucks und der Klangsammler“ ist auch die Deko im Hotel. Die könnten wir eigentlich gleich abbauen und zu unseren Requisiten dazustellen. Bis auf den Bierschrank vielleicht. Trommeln und Grammophontrichter hängen als Lampen im Restaurant, Noten und E-Gitarren zieren die Wände. Ich habe von der Nirvana-Musik, die am Vorabend beim Abendessen lief, immer noch einen Ohrwurm. Und auch die Damentoilette ist ein echter Hingucker: die eine Hälfte in Flamingo-Pink mit einem Einhorn, die andere Hälfte rabenschwarz, mit einem schwarzen Schwan verziert. Verspielte Herzen an der Wand. Ein Ort, der gute Laune verbreitet.
Einen erfreulichen Anruf habe ich vor einiger Zeit von einer netten Lehrerin bekommen. Eine Schule, zweihundertdreißig Kilometer entfernt im Bayerischen Wald gelegen, braucht eine Vorstellung. Das Budget ist realistisch. Ich kann was anbieten. Christian hat Zeit, und wir spielen unser Stück mit Meister AnTon Kling und Glucks.
Es ist schön zu wissen, dass es noch Erwachsene gibt, die für ihre Schulkinder was auf die Beine stellen. Intrinsisch motiviert, weil sie finden, dass es in der Schule theatralen Zauber braucht und nicht nur Zahlen und Noten.
„We don’t believe in miracles, we create them“, lese ich beim Frühstück. Ich nehme meine Jacke vom Garderobenhaken, der wie eine Hand geformt ist, die zu Metal-Musik headbangt: Daumen, Zeigefinger und kleiner Finger sind gespreizt, Mittel- und Ringfinger eingeklappt. Ich schüttle zum Spaß meine Haare. Der Mann an der Rezeption lacht. Yeah! Heute rocken wir die Schule, denke ich.

Soundcheck. Wir schalten verstaubte Scheinwerfer ein, die wir gestern noch in einer Kammer der Schule gefunden und aufgebaut haben. Wir machen alles selber, anders als so manche Bühnendiven. Schulvorstellungen finden häufig im Geheimen statt. Ganz anders als große Rockkonzerte. Wir haben keine Stagehands und auch keine Stage, sondern spielen am Turnhallenboden der Tatsachen und bauen das Equipment eigenhändig auf. Technikpersonal für Licht und Sound haben wir auch keins. Ich schminke mich auf dem runtergerockten Schulklo. Warum können die Kinder nicht so lustige, verspielte Toiletten haben wie in dem Hotel? Auftritte wie dieser kriegen selten mediale Aufmerksamkeit. Hundertsiebzig Kinder von zwei Schulen werden heute erwartet. Sie schauen uns nicht – wie heutzutage bei Rockkonzerten üblich – durch die Handykamera zu, sondern einfach mit ihren zwei Augen. Das genügt und fühlt sich gut an. Die Kinder sind kostümiert. Ein Rockstar ist auch im Publikum. Später sehe ich ihn sogar mit Gitarre! Und eine Lehrerin sitzt als Fliegenpilz zwischen den Kindern.

Unser Auftritt läuft wie geschmiert bis zur Stelle wo wir uns in dem zwitschernden Bambus verheddern und Meister Kling die „Problemlösersirene“ (eine Orchestersirene) erklingen lässt und wir, verrückterweise zeitgenau als der Sound verklingt, ein Problem haben, aber keine Lösung! Genau in dem Moment geht das von uns installierte Scheinwerferlicht samt unseren Headsets aus. Ich denke, dass eine Sicherung rausgeflogen ist, und bitte die nette Lehrerin, nachzuschauen. Sie kommt wieder und sagt, dass der Kasten zugesperrt und kein Schlüssel da ist.
Meister Kling sieht, dass die Kabeltrommel nicht ganz abgerollt und viel zu heiß ist. O je! Wir wickeln das Kabel ab und versuchen unser Glück erneut. Geht nicht. Wir spielen unverstärkt ohne Licht und Headsets weiter. Meister Kling bittet die Kinder, etwas ruhiger zu sein, und sie reagieren ganz wunderbar. Wir sprechen etwas lauter und spielen und spielen bis zum Schluß. „Zugabe, Zugabe!“ rufen die Kinder hinterher dreimal, und es kommt Rockkonzertstimmung auf. Wir machen noch ein paar lustige Sachen für sie und mit ihnen, die uns spontan einfallen.
Eine Lehrerin fragt mich beim Abbau: „War das jetzt eigentlich ein echter Stromausfall oder gespielt?“ – „Der war leider echt“, antworte ich. „Ach“, sagt sie, „das wusste ich gar nicht.“ Wir lächeln uns an. „Es war schön, und ich hatte länger Ihren Geschichten lauschen können!“ – „Ich habe noch mehr!“ antworte ich. „Vielleicht nächstes Jahr?“ – „Gerne!“ sage ich.

Ich denke, dass ich in Zukunft immer die Kabeltrommel ganz abwickeln werde, auch wenn der Aufbau spät am Abend ist. Ich war am Abend froh gewesen, eine funktionierende Steckdose zu finden, die nicht aus der Wand rausfiel. Wir hätten auch besser zwei Stromkreise gebildet und nicht alles an eine Steckdose stecken sollen – ist mir erst hinterher klar geworden. Gescheiter bin ich jetzt jedenfalls auch. Zumindest ein bisschen. Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Aber ich bin halt kein als Clown verkleidetes Technikpersonal, auch nicht an Fasching!
An Fasching verkleiden sich Kinder als ihre Lieblingsfiguren. Und sonst?

Bürohengste als Einhörner.
Blindenhunde als Seehunde.
Kredithaie als Spaßvögel.
Politiker als Volksvertreter.

Nur die echten Clowns bleiben Clowns. Und vielleicht wird eines der Kinder im Publikum mal Rockstar oder Clown. Wer weiß? Zwei Mädchen kommen zu mir, als ich gerade die schweren Sachen ins Auto trage, und sagen: „Des war schee. So schee gespielt. Wollten mia dia no kuaz sagn.“ Da habe ich ganz verlegen „danke“ gesagt und eine Herzensverbindung zu ihnen gespürt. Die Kinder haben auf bayerischwaldbayerisch „Pfiati!“ erwidert und sind leichtfüßig in die Faschingsferien spaziert. Ich habe mich auch leicht gefühlt und heiter. Wie in meinem Traum.

 
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